Ritus, Sühne und Opfer Teil 2

Ritus Sühne Opfer.jpgDas Passah (Pesach)

Der Hintergrund des Passah ist die Sklaverei in Ägypten. Gott hatte sich über Israel erbarmt und versprochen, es aus der Sklaverei zu befreien. Dazu sollten Mose und Aaron zum Pharao gehen, damit dieser das Volk gehen ließe. Da er aber nicht einlenkte, schickte Gott verschiedene Plagen über die Ägypter (die sich inhaltlich an ägyptische Gottheiten richteten). Die letzte Plage war die Tötung der Erstgeburt jeglichen Lebens in Ägypten. Ausgenommen waren hier die Israeliten. Diese waren nun dadurch erkennbar, dass sie das Blut des Passahlamms an die Türrahmen strichen (siehe 2.Mose 12).

Das Passah hat daher zuallerst die Funktion, das Volk Gottes als solches zu begründen. Das Passah ist das Erkennungsmerkmal des Volkes Gottes, es bildet Identität und grenzt gegenüber anderen ab. Auch heute ist das Sederfest, welches aus dem Pesach hervorging, ein Familienfest.

Zunächst war das Passah kein Opfer im rituellen Sinn. Es wurde im privaten Heim geschlachtet (erst im 5.Mose 16,1ff wurde das heimische schlachten verboten und zentral nach Jerusalem verlagert). In keinem der Passah-Texte geht es um die Sündenvergebung der Individuen. Sühne oder die Erneuerung der Verbindung mit Gott spielen keine Rolle. Vielmehr wird das Passah immer dann gefeiert, wenn das Volk Gottes wiederhergestellt oder neueingesetzt wird (so z.B. Jos 5, 2.Kö, Esr, 2.Chr). Allerdings steht es im Zusammenhang mit kultischer Reinheit. Sie ist aber die Voraussetzung, nicht das Ergebnis des Passah. Die Kultische Reinheit an sich kann auch als Unterscheidungsmerkmal der Israeliten von anderen Völkern verstanden werden.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Schutzfunktion des Blutes. Im sog. Jubiläenbuch (ca. 150v.Chr.) wird das Blut des Passahlamms als Schutz vor zerstörerischen Dämonen beschrieben. Dem Dämonenherrscher Mastema kommt dabei eine besondere Rolle zu. Das Blut hält also den Verderber draußen, er wird unschädlich gemacht. Wird das Passah korrekt gefeiert, dann werden die Feiernden für das nächste Jahr von jeder Plage befreit sein. Wichtig ist hier, dass die Feiernden nicht vor Gott beschützt werden! Nicht er ist die Bedrohung, das Passah schützt vor Dämonen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass frühe Deutungen des Kreuzestodes aus dem 2./3. Jahrhundert dem Blut Jesu eine ähnliche Bedeutung zuschreiben. So zum Beispiel Origen:

„Jesus akzeptierte freiwillig den Tod für die menschliche Rasse (…) denn es erscheint so, dass es ein natürliches Gesetz gibt, welches besagt, dass aus mysteriösen unbekannten Gründen, immer dann, wenn ein gerechter Mensch sein Leben für die Gemeinschaft lässt, er damit Dämonen abhält, die Krankheiten und Hungersnöte über die Menschen bringen wollen“ 

Vielleicht passen hier auch die verschiedenen Textstellen aus dem JohEv zu, in denen Jesus um Schutz für seine Jünger betet (vgl. Joh 17,9ff). Besonders heißt es: „Ich bitte (…) dass du sie bewahrst von dem Bösen“ (V.15). Halten wir fest: Dem Passah wird eine Schutzfunktion zugestanden.

 

Das Passah ist im jüdischen Verständnis auch immer mit dem Ende des Exils verbunden. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten und macht dem Volk damit Hoffnung, dass Gott erneut eingreifen wird, um sein Volk zu befreien. Nur über diesen Gedankengang kann man eine Verbindung zur Sündenvergebung ziehen. Das Passah bewirkt keine Sündenvergebung, aber es weckt die Hoffnung auf den Tag, an dem Gott sich seinem Volk erneut zuwendet, die Sünden vergibt und es von allen Unterdrückern befreit.

Im NT wird das Passah zum einen als Rahmen für die Passionszeit genutzt (besonders um JohEv) darüber hinaus nutzt Paulus es im 1.Kor 5,17. Theologen streiten sich darüber hinaus über einen Zusammenhang zwischen dem Abendmahl und der Passahtradition. Manche nehmen an, dass Jesus hier die Passahtradition umdeutet und ihr mit der Eucharistie eine neue Bedeutung gibt. (dazu in einem anderen Post mehr). Außerdem gibt es eine mögliche Verbindung zur Offenbarung, wo von einem geschlachteten Lamm die Rede ist.

Aber der Reihe nach. Wie bereits angedeutet, so bildet das Passah den Rahmen der Passionsgeschichte. Das ist vor allem im Hinblick auf die Botschaft Jesu von Bedeutung. Jesus hatte immer und immer wieder gesagt, dass Gottes Reich nahe ist. Die Menschen sollten Umkehren und dieser guten Botschaft glauben (Mk 1,15). In gewisser Hinsicht ist das bereits eine Ankündigung eines neuen Exodus, wenn Gottes Reich anbricht, dann bedeutet das, Gott würde sich seinem Volk wieder zuwenden und es aus der Hand aller Unterdrücker befreien. Freilich hatten seine Zuhörer eine andere Vorstellung davon, wie dieses Reich aufgerichtet werden würde und was es ausmacht. Dennoch ist die Aussage Jesu klar: Ein neuer Exodus wird anbrechen, Gott wird die Menschheit als ganzes aus der Unterdrückung durch die Sünde befreien. Welches Motiv passt hier besser, als das Passah?

Das sagt allerdings noch nichts darüber, wie Gott in Jesus die Macht der Sünde gebrochen hat und für die Menschheit einen ultimativen Exodus eröffnet hat. Festhalten möchte ich hier aber, dass die Sprache des Passah von einem Kampf gegen die Sünde handelt, nicht davon, wie Gott seinen Zorn über die Sünde auf jemand anderen leiten könnte, als auf die sündigen Menschen. Das Passah spricht davon, dass Jesus im Kampf gegen die Sünde sein Leben gelassen hat. Ich selber spreche hier lieber vom Kampf gegen die Imperien der Welt. Damit meine ich, dass die Sünde neben der individuellen Dimension eine strukturell-kosmische Dimension hat. Sünde kann auf der gesellschaftlichen Ebene Strukturen entwickeln, die Ungerechtigkeit zementieren, andere Ausbeuten und mit großer Macht Zerstörung anrichtet. Diese Imperien sind größer als Individuen und können auch nicht von einzelnen besiegt werden. Und doch wurzeln sie auch in der Sündhaftigkeit der einzelnen Menschen. Wenn Jesus einen neuen Exodus bewirkt hat, dann hat es mit beidem zutun: Jesus siegt über die Sünden der einzelnen aber auch über die Imperien der Welt. Davon spricht die Passah Sprache.

An anderer Stelle wird die Sprache des Passah verwendet, um die neue Gemeinschaft des Volkes Gottes zu begründen. Paulus spricht zur Gemeinde in Korinth, die in ihrer Gemeinschaft viel Unrecht toleriert hatte. Paulus erinnert an das Passah, bei dem aller Sauerteig entfernt werden musste, was für die Reinheit des Volkes Gottes stehen sollte. Die Rituelle Reinheit war ja die Voraussetzung für das Passahfest, hier wendet Paulus dies auf den moralischen Standart in der Gemeinde an:

„Ihr habt wirklich keinen Grund, stolz und überheblich zu sein! Habt ihr vergessen, dass schon die kleinste Menge Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? ´Macht es daher so, wie man es vor dem Passafest macht:` Entfernt den alten, durchsäuerten Teig, damit ihr wieder das werdet, was ihr doch schon seid – ein frischer, ungesäuerter Teig. ´Ihr seid es,` weil der geopfert wurde, der unser Passalamm ist: Christus. Deshalb wollen wir nicht mit dem alten, durchsäuerten Teig feiern, dem Sauerteig der Bosheit und der Schlechtigkeit, sondern mit dem ungesäuerten Brot der Reinheit und der Wahrheit. In meinem früheren Brief habe ich euch vor dem Umgang mit Menschen gewarnt, die ein unmoralisches Leben führen.“ (1.Kor 5,6ff)

Auch hier zeigt sich, dass die Übernahme der Passah-Metaphorik nichts mit einer Strafübernahme zu tun hat, geschweige dass Jesus den Zorn Gottes stellvertretend auf sich nimmt.

In der Offenbarung findet sich ein weiteres Motiv, das an das Passahlamm angelehnt sein dürfte. Dort wird in bildhafter Sprache beschrieben, wie Jesus als König der Welt inthronisiert wird. In einer Vision beschreibt Johannes, dass er auf dem Thron im Himmel ein Lamm sieht, das wie ein Opfertier geschlachtet wurde (5,6). Dann wird über das Lamm in einem Hymnus weiter ausgeführt:

»Würdig bist du, das Buch entgegenzunehmen und seine Siegel zu öffnen! Denn du hast dich als Schlachtopfer töten lassen und hast mit deinem Blut Menschen aus allen Stämmen und Völkern für Gott freigekauft, Menschen aller Sprachen und Kulturen. Du hast sie zu Mitherrschern gemacht, zu Priestern für unseren Gott, und sie werden einmal auf der Erde regieren.« (…) »Würdig ist das Lamm, das geopfert wurde, Macht und Reichtum zu empfangen, Weisheit und Stärke, Ehre, Ruhm und Anbetung!« (5,9.12)

Das zentrale Motiv, das mit dem geschlachteten Lamm in Verbindung steht, ist also das des Freikaufens. Das Blut des Lammes ist eine Art Lösegeld. Das Motiv des Lösegeldes hat Jesus selber schon auf sich angewendet. So heißt es in Mk10,45:

“Der Sohn des Menschen ist nicht gekommen um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.”

In der christlichen Lehrtradition hat es unterschiedliche Interpretationen zum Lösegeld gegeben. (Das habe ich in einem anderen Post bereits behandelt). Deutlich ist aber, dass dieses Motiv aus dem Bereich des Sklavenhandels kommt. Wer einen Sklaven erwerben wollte, der musste ein Lösegeld zahlen. Im AT wird oft beschrieben, dass Gott bildhaft Lösegeld für Israels Befreiung aus der Sklaverei bezahlt hat (Hier wird deutlich, dass es ein Bild ist, denn Gott hat niemandem Geld gegeben, damit Israel ausziehen durfte). Das Motiv des Lösegeldes steht also ebenfalls im direkten Zusammenhang mit dem Exodus. Das Lösegeld ist der Preis oder der Aufwand, den es Gott gekostet hat, die Menschheit von der Macht der Sünde zu befreien.

In der Offenbarung wird das Motiv des Exodus (der Befreiung von der Macht der Sünde/den Imperien der Welt) nun mit der Thronbesteigung verbunden. Durch das Kreuz hat Gott nicht nur die Imperien der Welt besiegt, er hat Jesus auch als den rechtmäßigen Herrscher der Welt eingesetzt. Paradoxer Weise ist dieser Sieg durch Kreuz und Auferstehung errungen worden und Jesus damit ein König, dessen Macht nicht auf Gewalt basiert, sondern auf der Macht der Liebe.

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