Warum Prozesstheologie Sinn macht – Teil 3

Kann Gott sich über die Naturgesetze hinwegsetzten?

Prozesstheologie geht davon aus, dass Gott nicht unilateral in der Welt wirken kann. Das hat auch damit zu tun, dass Gott Geist ist, also keinen physischen Körper hat. Menschen haben einen Körper und können sogar mit Zwangsmacht in der Welt agieren, Gott kann das nicht, weil Gott keinen Körper hat. Vielfach gibt es die Kritik, dass Liebe ja manchmal auch besser zwingen würde. Beispielsweise wenn ein Kind vor ein Auto läuft, dann würde man ja auch nicht mit „freiem Willen“ argumentieren und es zulassen, sondern den freien Willen übergehen und das Kind aufhalten. Die Kehrseite ist, dass man auch nicht von Liebe sprechen würde, wenn ein Kind jeden Abend ans Bett festbinden würde, um es zum Schlafen zu bewegen. Liebe zielt auf Befähigung und Freiheit ab.

Das führt aber zu der Frage danach, ob es nicht liebevoll wäre, wenn Gott in bestimmten Situationen den freien Willen übergeht. Prozesstheologen würden sagen, dass Gott dies nicht kann, selbst wenn er wollte. Das habe ich bereits in anderen Teilen der Serie angesprochen. Eine ähnliche Diskussion entsteht beim Thema Naturgesetze. Wäre es nicht liebevoll, wenn Gott die Naturgesetze hin und wieder zu modifizieren und zu übergehen, damit beispielsweise tausende Menschen vor einem Tsunami gerettet werden?

Die Prozesstheologie geht ja auch die Philosophie von Alfred N. Whitehead zurück. Er hat ein neues Weltbild formuliert, was die Idee von Substanzen ablöst. Laut klassischer Physik besteht alles aus kleineren Einheiten. Man glaubte früher, dass Atome diese kleinsten Einheiten seien, die nicht weiter teilbar wären. Heute weiß man, dass es noch viel kleinere Teilchen gibt. Aber mit Bezug auf die neuere Physik ging Whitehead davon aus, dass diese kleinsten Teilchen keine Substanzen sind, sondern letztlich Energiefelder. Diese Energiefelder haben einen Materiellen und einen sozusagen spirituellen Pol. Dieser spirituelle Pol hat die Möglichkeit, auf Gott zu reagieren. Whitehead hat dafür andere Begriffe gefunden, aber im Grunde dürfte es darauf hinauslaufen.

Wie kommen Physiker auf so ein Weltbild? Es hat damit zu tun, dass man im Bereich der Quantenphysik (und nein, davon habe ich rein gar keine Ahnung…) eine gewisse Form der Beliebigkeit und Zufälligkeit herrscht. Die Teilchen folgen keinen Regeln und tun Dinge, die keinen Sinn ergeben.

Laut Whitehead gilt auch für alles andere in der Schöpfung, was auch für Menschen gilt. Die Schöpfung besteht aus Events (Momenten). Jedem Elementarteilchen eröffnet Gott in jedem Moment einen Pool an Möglichkeiten. Auf einer primitiven Ebene hat jedes Elementarteilchen, jedes Energiefeld, die Möglichkeit, eine der Optionen zu wählen, was zu besseren neuen Möglichkeiten führt. Stichwort „Evolution“.

Laut Tom Oord erklärt das die Entstehung der Naturgesetze. Sie entspringen nämlich der „Kenosis“ Gottes, also Gottes befähigender Liebe. Die Naturgesetze hat Gott sich nicht ausgedacht oder sich dazu entschlossen, die Welt genau so aufzubauen. Laut Oord entspringen die Naturgesetze vielmehr dem Wesen Gottes. Sie bilden die Grundlage oder den Rahmen dafür, dass Gott Möglichkeiten in die Welt pumpen kann. Sie sind sozusagen Gottes Geschenk an die Schöpfung, und „Gottes gaben sind unwiderruflich“. Würde Gott die Naturgesetze zurücknehmen, so würde er seiner Schöpfung die Liebe entziehen.

Was kann man laut Prozesstheologie mit Wundern anfangen?

Wunder stellen eine besondere Herausforderung da, da sie vielfach im Sinne der coersive Power (Zwangsmacht) verstanden werden. Daher gibt es viele Prozesstheologen, die mit Wundern im traditionellen Verständnis nichts anfangen können. (ja, Prozesstheologie ist eine recht liberale Theologie). Tom Oord versucht nun diese Grundideen der Prozesstheologie mit Wundern zusammen zu denken. Er selber versteht sich als Evangelikal und möchte daher die entsprechenden Bibeltexte ernst nehmen. Bemerkenswert ist, dass Oord einerseits sagt, dass Gott die Naturgesetze nicht übergeht, und andererseits von Wundern reden kann.

Er geht zunächst davon aus, dass Wunder nur selten passieren. Warum tut Gott eben nicht viel öfter Wunder? Den Grund sieht Oord darin, dass die Schöpfung selten entsprechend mit Gott kooperiert. Gott würde gerne mehr tun, aber die Kooperation fehlt.

Oord geht nun verschiedene Wunder in der Bibel durch und zeigt auf, wo hier Schöpfung und Schöpfer kooperiert haben. Bei der Geburt Jesu sagte Maria beispielsweise „Es geschehe mit mir“. Er glaubt auch, dass beispielsweise eine Totenauferstehung im Sinne eine Kooperation zwischen Schöpfung und Schöpfer gedacht werden kann.

Andere Prozesstheologen würde hier wohl eher im Sinne der Entmythologisierung Bulltmanns von Wundern Abschied nehmen. Diese Frage ist für mich allerdings nicht abgeschlossen. An Bultmann stört mich, dass es zu einfach ist. Bei Oord hört sich einiges etwas an den Haaren herbeigezogen an. Grundsätzlich suche ich nach Antworten, die sich kritisch und rational an der Realität messen, aber eben auch Raum für Neues, Rätselhaftes und Unbekanntes bieten.

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