Warum Prozesstheologie Sinn macht – Teil 2

Wie passen Prozesstheologie und Rechtfertigungslehre zusammen?

Im Grunde gibt es keine direkte Verbindung. Prozesstheologie könnte mit verschiedenen Sichtweisen zur Rechtfertigungslehre zusammengehen. Da allerdings viele Prozesstheologen die Liebe Gottes stark betonen, wird man sich also auch mit entsprechenden Versionen der Rechtfertigungslehre anfreunden.

Die klassische Rechtfertigungslehre geht von der Grundannahme aus, dass Gott wegen seiner Heiligkeit Sünde nicht einfach vergeben kann, sondern dass Sünde gesühnt werden muss. Heiligkeit ist also eine Unverträglichkeit mit Sünde, die es Gott unmöglich macht, mit Sünde in Kontakt zu kommen und stattdessen Gottes Zorn entzündet und daher Sünde mit (ewiger) Strafe beantwortet werden muss.

Das Problem hinter der Rechtfertigungslehre ist, wie Gott dem Menschen gnädig und vergebend sein, wenn die menschliche Sünde es Gott unmöglich macht, vergebend und liebevoll zu sein? 
Luther selbst stand stark unter dem Eindruck des Zornes Gottes und fragte daher, wie man einen gnädigen Gott bekommen könnte. Seine Lösung war, dass wer im Glauben annimmt, dass Jesus den Zorn Gottes stellvertretend auf sich genommen hat, Gottes Zorn nicht mehr zu spüren bekommt, sondern Gott als gnädig und zugewandt erfahren kann. 

Ich selber teile Luthers Grundvoraussetzung nicht. Ich denke nicht, dass es Gott möglich ist, Sünden zu vergeben. Für mich ist Vergebung der Verzicht auf Rache, Vergeltung und Strafe. Vergebung ist eine Haltung gegenüber einem anderen, der an mir schuldig geworden ist. Diese Haltung kann ich einseitig einnehmen, d.h. Vergebung ist völlig unabhängig von der Antwort des Gegenübers. Ich glaube dass Gott der gesamten Schöpfung vergibt, und sogar in einer ständigen Haltung des „für uns sein“ ist.

Gott kann Sünde einfach so vergeben. Somit besteht aus meiner Sicht das Problem Luthers nicht. Gott muss keine Vergeltung üben, um vergeben zu können. Das Konzept von Vergeltung und Rache spielt für meinen Glauben keine Rolle, ich lehne beides ab.

Was Gott nicht einseitig kann, ist Versöhnung schaffen. Denn Versöhnung ist eine beidseitige / mehrseitige Angelegenheit. Im Prozess der Versöhnung steht Gottes Liebe und Zugewandtheit der menschlichen Freiheit gegenüber, sich dieser Zugewandtheit zu widersetzen. Wo Calvin glaubte, dass man sich der Gnade nicht widersetzen kann, glaube ich daran, dass man der Gnade Gottes widerstehen kann.

Allerdings glaube ich an einen Gott, der bis in alle Ewigkeiten unaufhörlich neue Möglichkeiten zur Versöhnung schafft. „Die Liebe gibt niemals auf und hört niemals auf.“ Ob Gott an sein Ziel kommt, ist allerdings offen.

Wie steht es mit Prozesstheologie und Allversöhnung? Wenn man diesen Satz sagt: „Gott hat allen Menschen bereits vergeben“, dann kommt schnell der Vorwurf, „Allversöhner“ zu sein.

Zunächst einmal bleibt die Frage, wo genau das Problem bei der Allversöhnung liegt. Für einige besteht das Problem darin, dass eine Allversöhnung „ungerecht“ wäre. Hier geht es um das Problem der „Vergebung ohne Vergeltung“. Wenn Gott einfach so vergibt, dann ist er ungerecht, so die Argumentation. Es gibt sehr gute Gründe, das anders zu sehen.

Ein anderer Punkt ist, dass wenn Gott am Ende allen vergibt, dass dann Mission, Hingabe, Aufopferung und Verzicht sinnlos wären. Warum nicht lieber das Leben genießen, am Ende kommen ja eh alle bei Gott an? Und ich stimme zu 100%: Wenn der Ausgang der Geschichte ohnehin feststeht, wenn meine Entscheidungen und die der anderen keine wirklichen Auswirkungen haben, da Gott am Ende alles wieder geradebiegt, dann ist dieses Leben wirklich sinnlos, es wäre eine Wartesaal, ein langweiliges Spiel.

Das eigentliche tiefere Problem ist hier aber nicht die Vergebung, sondern die Frage nach dem freien Willen und der Versöhnung. Ich kann also sagen, dass ich auf eine Allversöhnung hoffe. Ich kann sogar mit Urs von Balthazar sagen, dass um für mich selber und meine Erlösung zu hoffen, ich für alle Menschen hoffen muss. Aber es bleibt eine offene Hoffnung. „Ich bin kein Allversöhner, aber vielleicht ist Gott einer.“

Noch einmal die Verbindung zur Prozesstheologie: Erlösung und Versöhnung hängt mit Gottes Möglichkeiten und unseren Antworten/ gewählten Entscheidungen zusammen. Es gibt aus meiner Sicht keine klare Linie, keinen einzelnen Moment, ab dem man gerettet ist. Rettung ist ein vielschichtiger Prozess. 

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