Warum Prozesstheologie Sinn macht – Teil 1

Im letzten Jahr habe ich mich ja viel mit Prozesstheologie auseinander gesetzt. Ich habe aber gemerkt, dass das Thema derart komplex ist, dass ich gar nicht so richtig in einem einzigen Gespräch erklären kann, worum es geht. Als Übung dafür habe ich einmal ein paar Dinge aufgeschrieben, die mir grundlegend für Prozesstheologie erscheinen. Was denkt ihr, welche neuen Fragen oder Anfragen werfen diese Ansätze auf? Was bleibt unklar?

Warum heißt es überhaupt Prozesstheologie?

Die Kernidee ist, dass Gott in dieser Welt wirkt, indem Gott unaufhörlich immer wieder Möglichkeiten zur Veränderung in die Welt pumpt, und die Welt daher auf einer Reise ist, hin zu einer guten Zukunft. Diese Reise ist aber ein Prozess und kein eingebauter Automatismus.

 

Was meint es, dass Gott Möglichkeiten schafft?

Die Realität besteht aus einer Aufeinanderfolge von Momenten (Events). Ein Moment enthält eine ganze Menge von Möglichkeiten, die Gott uns bereitstellt. In diesem Moment habe ich die Möglichkeit, diesen Text weiter zu tippen, ich könnte aber auch den Laptop gegen die Wand schmettern. Die Entscheidungen aus einem Moment führen zu einem neuen Pool an Entscheidungen, aus dem ich wieder wählen kann. Wenn ich den Laptop zerstört habe, dann gibt es bestimmte Möglichkeiten, die mir dadurch nicht mehr zur Verfügung stehen. Ich kann nebenbei auch nicht Präsident von Polen werden. Diese Möglichkeit habe ich ein fach nicht.

Aber nicht nur meine Entscheidungen formen die neuen Entscheidungsvektoren, sondern auch die viele viele Entscheidungen von allen möglichen anderen Menschen. Das ist überhaupt auf dem Laptop tippen kann, hat damit was zu tun, dass sich mein Arbeitgeber entschieden hat, mich einzustellen. Es hat aber auch mit verschiedenen Ingenieuren und Tech-Freaks und deren Entscheidungen zu tun, die diesen Computer nämlich erfunden haben.

Es gibt Entscheidungen, für zukünftige Events eine große Bedeutung haben und stark beeinflussen, welche Möglichkeiten sich von da ab ergeben. Gott bietet uns all diese Möglichkeiten an, aber möchte uns dazu ermutigen, die besten Möglichkeiten zu wählen. Gott lockt uns also, aus einem großen Pool an Möglichkeiten, die besten zu wählen. Meistens gibt es mehr als eine „beste“ Möglichkeit. Treffen wir aber Entscheidungen, die weniger gut sind, dann könnte man das „Sünde“ nennen.

Wie kann man mit diesem Modell Gottes Handeln in der Welt erklären?

Ich denke, dass Gott uns immer neue Möglichkeiten gibt. In seiner Treue werden uns immer neue Möglichkeiten angeboten. Gottes Liebe führt dazu, dass wir durch Gottes Geist gelockt werden, die besten Möglichkeiten zu wählen. Diese innere Sehnsucht zum Guten ist Gottes Werben für die besten Möglichkeiten. Das kann auch bedeuten, dass Gott Möglichkeiten aufzeigt, wo wir keine sehen. Ein anderes Bild ist, dass Gott klopft, wir Menschen aber die Freiheit haben, die Tür zu öffnen oder auch nicht. Prozesstheologen sprechen auch davon, dass Gott uns beruft. Das Reden Gottes ist also ein zentrales Element der Prozesstheologie.

Was sagt dieses Verständnis der Realität über Gottes Macht aus?

Demnach handelt Gott niemals einseitig (unilateral) mit der Welt. Gott gibt sich ganz in die Welt (indem er immer neue Möglichkeiten schafft und uns zu guten Entscheidungen lockt), und empfängt dann, was die Welt ihm zurückgibt (indem freie Geschöpfe aus ihren Möglichkeiten wählen). Die Bibel nennt dieses Hingeben Gottes „Kenosis“, was man auch mit „Befähigung“ übersetzen kann. Die Art göttlicher Macht ist in diesem Verständnis die Überzeugungskraft (Persuasive Power), nicht eine Zwangsmacht (coersive Power). Gott zwingt dem Menschen also keine Möglichkeit auf, sondern überlässt dem Menschen die freie Wahlmöglichkeit. Wenn wir also davon sprechen, dass Gott allmächtig ist, dann beziehen wir das auf seine Liebe. Gott ist in seiner Liebe so Mächtig, wie Liebe ist, aber eben auch so ohnmächtig, wie Liebe ist. Treffender könnte es aber sein, zumindest ergänzend von Gottes Alltreue und Allliebe zu sprechen.

Gott übt seine Macht also nur in Zusammenarbeit mit Menschen aus, die sich für seine guten Möglichkeiten öffnen und auf sein werbendes Flüstern hören.

Was bedeutet das für das Verhältnis von Gott und Zukunft?

Die Zukunft entsteht also durch Gottes Kenosis (Gott schafft immer neue Möglichkeiten) und die Antwort der Schöpfung. Dadurch ist die Entwicklung der Zukunft jedoch offen und nicht vorhersehbar. Gottes Wunsch für die Zukunft ist das beste, allerdings gibt es keinen Automatismus. Gottes unaufhörliche Treue und Liebe ist das, worauf wir unsere Hoffnung setzen.

Gnade hat uns bis hierher gebracht und wird uns bis ans Ziel bringen. Die Liebe gewinnt.

Wir können sagen, dass Gott allwissend ist in dem Sinne, dass Gott alles weiß, was es zu wissen gibt. Da die Zukunft aber noch nicht feststeht, kann Gott auch nicht wissen, wie sie werden wird. Gott kennt wohl alle Möglichkeiten, die die Zukunft birgt. Aber die Aktualisierung, die Verwirklichungen (die konkreten Entscheidungen) sind ihm unbekannt – auch wenn Gott gut schätzen mag.

Aber ist ein wesentlicher Teil der Bibel nicht die Prophetie?

Ja, sicher. Aber die Prophetie ist keine Wahrsagerei. Propheten geben vielmehr eine Gegenwartsanalyse ab und zeigen auf, welche Konsequenzen es hätte, wenn die Menschen weiterhin die falschen Möglichkeiten wählen.

Und was ist mit den Messianischen Prophetien?

Eine genaue Analyse zeigt, dass da, wo Autoren des NT im AT eine Vorhersage auf Jesus aufzeigen, diese AT-Texte im ursprünglichen Kontext etwas völlig anderes meinten. Die NT-Autoren haben den Texten also eine neue, von den AT-Autoren nicht mitgedachte, Bedeutung gegeben. Das war damals nicht unüblich, man glaubte an unendlich viele geheime Bedeutungen des Bibeltextes.

Wie wirkt sich das auf die Frage nach dem Leid aus?

Hier liegt eine große Stärke der Prozesstheologie, da sie eine Antwort auf die Frage nach dem Leid hat. Leid entsteht, wenn Geschöpfe destruktive Möglichkeiten wählen – und das vielleicht auch auf Dauer. Leid entsteht aber auch durch zufälliges Zusammenkommen von unterschiedlichen Momenten. Allgemein kann man aber sagen, das hinter dem Leid kein Plan steckt. Gott führt das Leid nicht aktiv herbei, sondern es entsteht durch das Zusammenwirken vieler Komponenten. Die biblische Botschaft ist, dass Gott im Leid mit uns ist und mitleidet und uns einlädt mit ihm partnerschaftlich eine bessere Zukunft zu gestalten. Aber Gott hat nicht die absolute Kontrolle über die Welt und ist auch nicht in der Lage, das Leid grundsätzlich zu verhindern.

Das ist eine klare Absage an alle theologischen Versuche, das Leid zu verklären. So wird Leid und das Böse als das benannt, was es ist und es öffnet sich eben keine Hintertür, die hinter Vergewaltigung, Mord und Folter einen geheimnisvollen unverständlichen aber guten Plan Gottes glauben lässt.

Wo entstehen Spannungen zur klassischen Theologie?

Die Prozesstheologie sieht einige Dinge anders, wie sie in der klassischen Theologie oder auch von den Reformatoren gelehrt wurden. Zum Vergleich hier ein paar der wichtigen Aussagen zu Gotteslehre aus klassischer Sicht: 

Die Reformatoren Luther und Calvin haben einen Schwerpunkt auf die Lehre der Souveränität Gottes gelegt. Demnach ist Gott absolut, hat unbeschränkte Macht und sagt die Zukunft voraus. Sie gehen sogar so weit zu sagen, dass Gott die Zukunft sogar bis ins Kleinste bewirkt. Da sein Ratschluss zustande kommt, kann Gott auch sagen, was passieren wird. Dies steht natürlich im krassen Gegensatz zum Konzept des freien Willens.

Ein weiterer Spannungspunkt ist die Veränderbarkeit Gottes. Für die klassische Theologie (angelehnt an Aristoteles und Thomas von Aquin) ist Gott perfekt. Jede Veränderung innerhalb von Gott wäre demnach ein Abfallen vom Optimum. Ein unveränderlicher Gott kann aber verschiedene Dinge nicht: z.B. sich erinnern, im Voraus planen, etwas wahrnehmen, Gefühlswechsel haben, seine Meinung ändern, auf Gebete reagieren. Für die klassische Theologie hängt dies auch damit zusammen, dass Gott außerhalb von Raum und Zeit gedacht wird. Für Gott ist alles simultan, Zeit ist für Gott nur eine Illusion. Daher kann man sagen, ein zeitloses Wesen verändert sich nicht. Abgesehen davon, dass man letztlich über ein zeitloses Wesen nichts sagen kann, legt diese Gottessicht eine bereits feststehende / determinierte Zukunft nahe. Demnach ist bereits alles beschlossen, Zeit und Entscheidungsmöglichkeit wäre eine Illusion. Kritiker merken an, dass dann auch Gott den Lauf der Geschichte nicht mehr ändern könne, da der Lauf der Geschichte ja bereits feststeht. Gebet zielt nicht auf Gottes tun ab, sondern wer dem Auftrag zu beten nachkommt, tut dies nur weil Gott es befohlen hat. Letztlich tut man es nicht selber, sondern Gott bewirkt es in mir.

Wieso ändert sich Gott laut Prozesstheologie? Was meint Panentheismus?

Laut Prozesstheologie hat Gott einen zeitlichen und einen zeitlosen Pol. Bestimmte Dinge ändern sich in Gott niemals. Gott wird immer treu bleiben, seine Liebe ändert sich nicht. Gottes Charakter bleibt derselbe. Aber Gott ist in die Geschichte und in der Zeit involviert. Gott ändert sich ständig, da Gott die Entscheidungen der Geschöpfe in sich aufnimmt und daraufhin immer neu anpasst und neu reagiert. Gott kann also seine Meinung ändern, planen, wahrnehmen, reagieren, fühlen, leiden, hat Bewusstsein, usw.

Außerdem ist Gott allgegenwärtig, also nicht außerhalb von dieser Schöpfung. Während der Pantheismus sagt, dass Gott die Schöpfung ist, sagt Panentheismus, dass alles in Gott ist (siehe Apg 17,27f: „und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir“). Wir gehen also davon aus, dass auf eine Weise alles bereits mit Gott verbunden ist.

Was meint Gebet aus prozesstheologischer Sicht?

Wenn ich bete, dann öffne ich mich für Gottes Locken. Durch Gebet lerne ich auf Gottes Flüstern zu hören, das mich auf die besten Möglichkeiten hinweist. Durch Gebet arbeite ich also enger mit Gott zusammen, Gott kann durch mich in der Welt wirken, wenn ich bete.

Wie passt das alles mit Evolution zusammen?

Die Prozesstheologie passt recht gut mit der Evolution zusammen. Sie kann erklären, wie die sonst nicht erklärbaren Entwicklungsschritte geschehen konnten: Nichts zum Sein, Sein zum Leben, Leben zum Bewusstsein, Bewusstsein zur Vorstellungskraft.

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4 thoughts on “Warum Prozesstheologie Sinn macht – Teil 1

  1. Und ich frag mich immer, warum Prozesstheologie in Deutschland keine Rolle spielt. Die ist was für Theologen, wird aber von Pastoraltheologen kaum als Chance begriffen – jedenfalls nicht, soweit ich die Kirchenlandschaft kenne.

  2. Ich sehe das genau so. Wir haben bei Mosaik die Diskussion geführt und haben festgestellt, dass es Sinn macht zu sagen: Was dir passiert ist kann man nicht verklären. Gott findet das schlimm, wir müssen trauern und es war nicht zu verhindern. Und: das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

    Dieses Gerede von Wegen “Im Himmel werden wir erfahren, wozu das gut war” – ich kann es nicht mehr hören. Ich finde es extrem giftig…

  3. “Wir können sagen, dass Gott allwissend ist in dem Sinne, dass Gott alles weiß, was es zu wissen gibt. Da die Zukunft aber noch nicht feststeht, kann Gott auch nicht wissen, wie sie werden wird. Gott kennt wohl alle Möglichkeiten, die die Zukunft birgt. Aber die Aktualisierung, die Verwirklichungen (die konkreten Entscheidungen) sind ihm unbekannt – auch wenn Gott gut schätzen mag.”

    Wie ist das in Einklang zu bringen mit Bibelversen wie Prediger 3 Vers 11:

    Gott hat allem auf dieser Welt schon im Voraus seine Zeit bestimmt, er hat sogar die Ewigkeit in die Herzen der Menschen gelegt. Aber sie sind nicht in der Lage, das Ausmaß des Wirkens Gottes zu erkennen; sie durchschauen weder, wo es beginnt, noch, wo es endet. (Neues Leben Übersetzung)

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