#verbunden – Wo gibt es um Mitternacht das beste Abendessen?

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Spielen wir einmal mit folgender Idee: Alles ist mit einander verbunden.

Wir Menschen untereinander, das Universum, Tiere, Pflanzen – alles ist auf viele Arten miteinander verbunden. Übrigens sind wir auch mit Gott verbunden, aber dazu später.

Wir können uns das nicht aussuchen, wir können uns dem nicht entziehen. Es ist einfach so, wie die Welt ist.

Und dieses Netzwerk von Verbindungen reagiert hochgradig darauf, wie wir leben. Wir haben also Gestaltungsmöglichkeiten. Die Frage ist nicht, ob alles miteinander verbunden ist, die Frage ist, wie wir unsere Verbindungen gestalten.

In den nächsten Wochen soll es darum gehen, ein Bild davon zu malen, wie Netzwerkverbindungen aussehen können, die von Glaube, Liebe und Hoffnung geprägt sind.

Aber zunächst einen Schritt zurück. Stimmt es, ist alles miteinander verbunden?

Gerade die christliche Botschaft scheint ja gerade vom Gegenteil auszugehen. Wir reden von dass die Welt von der Sünde geprägt ist, also davon, dass Verbindungen getrennt sind. Also, ist alles miteinander verbunden?

Ich glaube, dass wir viel eher das Leben wie einen überdimensionalen Billardtisch sehen. Wir sind alle Kugeln auf dem Tisch, die mehr oder weniger in Bewegung sind. Aber wenn wir nicht gerade von anderen Kugeln angestoßen werden, dann haben wir unsere Ruhe. Dann haben wir nichts damit zu tun, wenn es bei anderen Kugeln kracht.

Aber wir sind keine isolierten Wesen.

In unserer Kultur sehen wir die Welt durch den Filter des Individualismus. Wir haben verlernt, unsere Verbindungen zu sehen. Wir mögen es nämlich nicht, dass wir abhängig sind.

Dabei haben meine Handlungen einen direkten Einfluss auf unzählige Menschen, die teilweise am anderen Ende der Erde leben. Wer hat meine Hosen zusammengenäht, wer die notwendigen Metalle für mein Handy ausgegraben, wer pflückte die Bananen für mein Müsli, was hat eigentlich das Rind gegessen, das am Abend auf meinem Teller landet?

Bei genauerem Hinsehen merken wir schnell, wie stark wir miteinander verbunden sind. Wir wissen es, aber wir verleugnen dieses Wissen, denn Wissen kann schlechte Laune machen.

Andererseits kann das Wissen um Verbindungen unser Leben und das Leben anderer verändern. Vielleicht unterschätzen wir unseren Einfluss und fallen zu leicht in eine Resignation.

Diese Serie soll uns helfen, Verbindungen zu sehen. Und sie soll uns ermutigen zu erkennen, welchen Einfluss wir ausüben können.

Es wird also um Freundschaft gehen, um Liebe, um Vertrauen, um Gerechtigkeit, um Verletzlichkeit, um Vergebung, um Großzügigkeit, um Heilung und um Spaß.

Heute geht es zunächst einmal um die beste Adresse der Stadt, um mitternachts ein gutes Essen zu kriegen. Und das ist laut Jesus natürlich beim Nachbarn:

»Angenommen, einer von euch hat einen Freund. Mitten in der Nacht sucht er ihn auf und sagt zu ihm: ›Bitte leih mir doch drei Brote! 6 Ein Freund von mir hat auf der Reise bei mir Halt gemacht, und ich habe nichts, was ich ihm anbieten könnte.‹ 7 Und angenommen, der, den er um Brot bittet, ruft dann von drinnen: ›Lass mich in Ruhe! Die Tür ist schon abgeschlossen, und meine Kinder und ich sind längst im Bett. Ich kann jetzt nicht aufstehen und dir etwas geben.‹ 8 Ich sage euch: Er wird es schließlich doch tun – wenn nicht deshalb, weil der andere mit ihm befreundet ist, dann doch bestimmt, wegen seiner Angst vor Schande. Er wird aufstehen und ihm alles geben, was er braucht. – Lukas 11

Auf den ersten Blick ist dies eine einfache Geschichte, so etwas wie bei einem netten Fußballabend, bei dem man vergessen hat, Bier einzukaufen. Also klingelt man noch beim Nachbarn und holt ihn aus dem Bett.

Nimmt man aber einige historische Hintergrundinformationen hinzu, dann zeigt sich, dass es um etwas ganz anderes geht. Diese Geschichte stellt sich dann völlig anders dar.

Legen wir los.

Der Gastgeber möchte drei Brote von seinem Freund haben. Eine Mahlzeit für einen Gast würde ein bisschen wie Tapas sein. Viele kleine Dips, in die das Brot getunkt werden würde. Allerdings kauft man das Brot natürlich nicht beim Bäcker nebenan. In einem bäuerlichen Dorf würde man den Ofen mit Feuer anmachen, den Teig zusammenmixen, kneten und dann backen. Das kann sicherlich ein paar Stunden dauern.

Die Historiker streiten nun darüber, ob man täglich Brot gebacken hat, oder nur am Freitag und dann immer wenn das Brot aufgebraucht war. Einig ist man sich aber darin, dass für einen Gast frisches Brot gebacken werden musste.

Aber warum würde der Gastgeber dann nicht selber loslegen und Brot backen?

Die Antwort ist, dass er nichts hat, was er seinem Gast vorsetzen kann. Offensichtlich ist das Dorf in finanzielle Schwierigkeiten gekommen. Vielleicht war es eine Missernste, vielleicht zu hohe Tributzahlungen von lokalen Großgrundbesitzern. 

In der bäuerlichen Dorfkultur würde man Gastfreundschaft als Aufgabe des ganzen Dorfes ansehen, nicht als Verantwortung eines Einzelnen. Es war also völlig normal, beim Nachbarn zu nachzufragen, denn alle Dorfbewohner mussten sich kümmern.

Wenn nun der Nachbar sagt, er wäre schon im Bett, dann hört sich das nach einer faulen Ausrede an. Offensichtlich sind wirtschaftlich schwere Zeiten angebrochen und die Dorfgemeinschaft ist im Begriff auseinanderzufallen.

Es geht nicht um einen Gefallen, es geht um die Frage, ob man im Zweifelsfall seine eigenen Schäfchen in Trockene bringt. Wer weiß, ob die eigenen Vorräte noch reichen, wenn man teilt? Es geht um die Frage, ob wir als Verbundene leben, oder als Individuen.

Jesus spitzt diesen Punkt zu. Denn er meint, dass es möglich ist, verbunden zu leben. Selbst dann, wenn Familie oder Freundschaft nicht mehr hält, so meint Jesus, dass es dennoch eine Art von Gemeinschaft geben kann, die dann noch hält, wenn alles andere auseinander zu brechen droht.

Jesus glaubt, dass das Klopfen des Gastgebers am Ende den Nachbarn überzeugen würde. Aber warum würde der Nachbar am Ende helfen? Weil er Angst vor der Schande hat, also die Schande abwenden will. Der Klopfende lädt seinen Nachbarn recht hartnäckig ein, eine ganz bestimmte Art von Gastfreundschaft zu leben.

Pete Rollins hat das schön in Worte gefasst:

“Unsere Gastfreundschaft ist oft nicht mehr als eigennütziger Austausch, bei dem wir einige Leute zu unserem eige- nen Vergnügen in unser Haus einladen. Unsere Gastfreundschaft ist an Bedin- gungen geknüpft, Bedingungen, die Höflichkeit, Respekt und eine gute Flasche Wein beinhalten.

Obwohl an einer solchen Tatsache nichts auszusetzen ist, geht die radikale, un- mögliche Gastfreundschaft, von der Jesus sprach, unendlich viel weiter. Es handelt sich dabei um eine Gastfreund- schaft, die jenen die Türen öffnet, die nicht Teil unseres Freundeskreises sind, denjenigen, die uns wahr- scheinlich keine Geschenke mitbringen oder sich nicht um unsere Gefühle scheren. Diese Sicht von Gastfreundschaft steht im Einklang mit Jesu Sicht von Liebe – einer Liebe, die von uns mehr verlangt, als lediglich diejenigen anzunehmen, die uns liebe (was manchmal sogar die unbarmherzigste Kriminellen tun). Sie verlangt von uns, jene anzunehmen, die uns gleichgültig gegenüberstehen oder die uns sogar verachten.“

Peter Rollins: Der orthodoxe Häretiker – und andere unglaubliche Geschichten. Marburg: Verlag der Francke-Buchhandlung, 2014, Edition Emergent, S. 45f.

Es geht Jesus also darum, eine bestimmte Art von Gemeinschaft zu schaffen, die sich stark von dem unterscheidet, wie wir dieses Wort oft verstehen. Aber wie macht Jesus das?

Man muss im Hinterkopf behalten, dass die Texte der Evangelien Ursprünglich nicht in Kapitel unterteilt waren und am Stück vorgelesen wurden. Für mich war es sehr verblüffend, aber im Kapitel 10, fast direkt vor diesem Gleichnis, findet sich ein Text, der erstaunlich gut passt. Es ist fast so, als würden beide Texte dieselbe Geschichte erzählen, nur aus anderen Perspektiven:

Danach setzte der Herr weitere zweiundsiebzig1 Jünger ein und sandte sie je zwei und zwei vor sich her in alle Städte und Orte, wohin er gehen wollte, 2 und sprach zu ihnen: Die Ernte ist groß, doch es sind nur wenig Arbeiter da. Bittet deshalb den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter auf sein Erntefeld schickt. 3 Geht nun! Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. 4 Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Sandalen2. Haltet euch unterwegs nicht mit langen Begrüßungen auf.3 5 Wenn ihr ein Haus betretet, sagt als Erstes: ›Friede sei mit diesem Haus!‹ 6 Wenn dort jemand bereit ist, den Frieden zu empfangen, den ihr bringt, wird der Frieden auf ihm bleiben4; wenn aber nicht, wird der Frieden zu euch zurückkehren. 7 Bleibt in dem Haus, in dem man euch aufnimmt. Esst und trinkt, was man euch dort gibt; denn wer arbeitet, hat Anrecht auf seinen Lohn. Geht nicht von Haus zu Haus, um eine andere Unterkunft zu suchen. 8 Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, dann esst, was man euch anbietet. 9 Heilt die Kranken, die dort sind, und verkündet den Bewohnern der Stadt: ›Das Reich Gottes ist zu euch gekommen5.

– Lukas 10

Nimmt man beide Texte zusammen, dann scheinen die mitternächtlichen Gäste Wanderprediger zu sein, Nachfolger von Jesus.

Ich habe mich gefragt, warum Jesus überhaupt diese Jünger aussendet, wo doch bereits so viele Menschen zu ihm gekommen sind, um seine Botschaft zu hören. Vielleicht ist der Grund, dass Jesus merkte, dass in dieser Region der Zusammenhalt auf den Dörfern bedroht war. Also scheint er seine Nachfolger in diese Dörfer zu schicken, damit sie dort als Gäste helfen, diese besondere Art von Gastfreundschaft zu verbreiten.

Das klingt sicherlich gewagt.

Aber ihr Auftrag war, dass wenn ein Dorf sie aufnehmen würde, dieses Dorf eine besondere Art von Frieden erleben würde. Ich denke, es ist der Friede, der kommt, wenn wir als verbundene Leben, wenn der Drang zur Isolation überwunden werden kann.

Vor ein paar Tagen habe ich von Talat Deger gelesen, dem Chef einer Berliner Firma mit Namen Mutanox. Diese Firma verkauft verschiedene Arten von Zäunen, unter anderem den berüchtigten Nato-Draht. Kürzlich hat Talat Deger eine Anfrage bekommen, es ging um eine Bestellung für Naho-Draht im Bereich von 550.000 Euro. Die ungarische Regierung wollte damit die Grenze dicht machen, so dass keine Flüchtlinge mehr die Grenze passieren könnten. Deger hat den Auftrag nicht angenommen. In einer Pressemitteilungng heißt es:

   

“Dieser Draht soll kriminelle Taten verhindern. Etwa einen Einbruch. Wenn Kinder und Erwachsene fliehen, ist das aber nicht kriminell. Daher haben wir kein Angebot für das Großgeschäft abgegeben”, sagte ein Sprecher der Firma auf Anfrage der “Welt”.

Talat Deger selbst sagte: Nato-Draht ist dafür da, kriminellen Taten vorzubeugen. Aber ich kann doch nicht einen Flüchtling, der nichts weiter hat als das, was er trägt, mit einem Kind auf dem Arm durch einen Nato-Draht laufen lassen.“

Ich meine, dass ist genau die Art zu leben, von der Jesus spricht.

Wir Christen haben hierfür eine Symbolhandlung, die Eucharistie (andere sagen: Abendmahl). Das war ursprünglich nicht viel anderes als ein Abendessen, bei dem kurz unterbrochen wurde. Jesus hat damals Brot genommen und gesagt: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dasselbe bis ich wiederkomme“.

Was meint das?

Ich glaube, es meint, dass wir unser Leben ebenfalls dafür einsetzen sollen, damit ein Mensch mehr Platz am Tisch findet. 

– Jason

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