Der Fundamentalismus verlangt nach einem Opfer – des Verstandes

Eine kurze Vorbemerkung. Warum schreibe ich überhaupt über Fundamentalismus? Ist das nicht sehr arrogant und herablassend, wenn man die Schwächen einer Denkrichtung anprangert? Mir geht es hier um Ideen, nicht um Menschen, die sie vertreten. Ich habe Fundamentalisten im Freundes- und Bekanntenkreis und das stört mich nicht. Mir geht es um die Menschen, die den Fundamentalismus und damit vielleicht die eigene Prägung besser verstehen wollen und sich damit kritisch auseinandersetzen. Denn dazu zähle ich mich selber. Also weiter mit Teil II. 

Alex Kubsch hat in seinem Vortrag auf der Tagung „Theologie Initiative“ von Emergent Deutschland hier einen sehr spannenden Punkt gebracht. Anlehnung an verschiedene Theologen wie z.B. Paul Tillich, stellte er kurz vor, wie sich der Fundamentalismus aus wissenschaftlicher Sicht darstellt. Durch seine Verhaftung in der Vergangenheit ist der Fundamentalismus gezwungen, bestimmte Erkenntnisse zu unterdrücken und nicht zuzulassen. Dies wird in der oft verwendeten Formulierung „Gehorsam gegenüber Gottes Wort“ verpackt. Stehen Vernunft und Bibelglaube im Widerspruch, dann muss man sich im Zweifelsfall an die Bibel halten. Dieser Gehorsam ist dabei laut Tillich eine Art Werkgerechtigkeit durch die Hintertür. Er sei ein sacrificium intellectus, eine Opferung des Verstandes. Das ist nicht verächtlich gemeint, als würden Fundamentalisten weniger intelligent sein. Es ist laut Tillich ein religiöser Akt, bei dem man logische Argumente und zur Not auch Fakten zurückweist (opfert), mit der Aussicht, zur Belohnung die Erlösung zu haben. Ich meine, da ist etwas dran. 

Vielfach höre ich die Kritik von fundamentalistisch geprägten Christen, dass wer das Fundament der Bibel verlassen würde (sich also den kritischen Anfragen von Philosophie und wissenschaftlicher Theologie stellt), anstelle der Bibel auf den Verstand, auf die Wissenschaft, die Erfahrung, das Gefühl oder sonst etwas setzen würde. Andere sagen, dass nicht die Bibel, sondern Gott das Fundament sei. Diese Kritik arbeitet allerdings immer noch aus dem fundamentalistischen Weltbild heraus. Sie geht davon aus, dass am Ende der Begründungskette irgendetwas stehen muss, wenn es nicht die Bibel ist, dann etwas anderes. Die Schwierigkeit besteht darin, dass viele „Progressive“ (ich mag keine Etiketten, nutze sie hier nur aus grammatikalischen Gründen…) sich außerhalb der Begründungskette bewegen wollen. Natürlich nutze ich Wissenschaft, Erfahrung, die Bibel und alle anderen Ressourcen, die zur Wahrheitsfindung dienen. Aber ich habe in dem Sinn kein Fundament, was mir letztgültige Sicherheit bietet. Selbst Gott ist nicht diese ultimative Sicherheit, weil Gott mir immer auf als Fremder begegnet, den ich nicht in meine Theologie einfangen und so kontrollieren kann. Es gibt darüber hinaus so viele Gottes- und Jesusbilder, wer würde sich anmaßen, dem einzig richtigen Jesusbild anzuhängen? Wenn man so will, dann ist am Ende meiner Begründungskette daher ein großes Fragezeichen. Ich habe nicht eine alte Gewissheit durch eine Neue ersetzt, sondern übe mich darin, mit Unsicherheit und Nichtwissen zu leben. Mit Paulus könnte ich sagen, dass ich in einen Spiegel sehe, der ein undeutliches Bild zeichnet. Aber Evangelium bedeutet für mich auch nicht, dass ich Gott, das Leben, die Welt oder die Theologie richtig verstanden habe, sondern dass ich von Gott erkannt bin.

Dies wiederum hört sich nach einem weiteren roten Tuch an, das ich von fundamentalistisch geprägten Gesprächspartnern kenne: der Relativismus. Denn wenn kein Fundament mehr da ist (und auch kein Ersatz dafür gefunden wurde), dann muss ja zwangsläufig alles egal sein. Die Postmoderne wird dann gerne als die völlige Beliebigkeit verrissen, jeder macht sein Ding und biegt sich die Wahrheit so zurecht, wie man es gerne hätte. Oder, um es fromm zu formulieren, „wie es einem in den Ohren kitzelt“. Ich finde es durchaus begrüßenswert, wenn Theologie sich weiterentwickeln darf. Ein statisches und starres Verständnis vom Glauben finde ich aus mehreren Gründen schwierig. Ein Grund ist, dass ich ein wenig im Bereich der Theologiegeschichte studiert habe und es sehr erhellend fand, dass Christen eben nicht immer dasselbe geglaubt haben, sondern sich der Glaube oft sogar grundlegend änderte. Theologie ist faktisch nicht statisch und unveränderlich. Aber das ist auch nicht schlimm und führt auch nicht zu einer unredlichen Beliebigkeit. Dazu ein Beispiel:

Als der Fußball sich im 19. Jahrhundert entwickelte, gab es sehr früh die Abseitsregel. Man durfte den Ball nur nach hinten passen, da man es unfair empfand, wenn hinter dem Rücken des Gegners ein Tor erzielt wurde. Bei Wikipedia heißt es dazu: „

„Weil so aber kein (flüssiges) Spiel in Gang kam, wurde die Abseitsregel bereits nach drei Jahren geändert“, damit Zuspiele nach vorne möglich wurden: Von 1866 bis 1925 war es kein Abseits, wenn mindestens drei verteidigende Spieler zwischen der Torlinie und dem Angreifer positioniert waren. Seit 1907 ist Abseits in der eigenen Spielfeldhälfte nicht mehr möglich. Bei Abstoß und Eckstoß gab es kein Abseits, bei einem Einwurf dagegen schon. 1920 wurde auch für den Einwurf die Abseitsregel aufgehoben. Die heute gültigen Abseitsregeln wurden 1925 festgelegt. Seit 1990 ist gleiche Höhe kein Abseits mehr.“

Kann man sich die Diskussionen 1866 in den verantwortlichen Gremien vorstellen? Quasi fundamentalistische Fußballgelehrte hätten ähnliche Argumente bringen können, wie sie heute von fundamentalistischen Theologen kommen: Wenn wir diese Regel ändern, dann wird es bald gar keine Regeln mehr geben, dann ist alles beliebig. Dann kann ja demnächst jeder so spielen, wie es ihm passt.

Aber natürlich wissen wir, dass diese Regeländerungen das Spiel letztlich entwickelt haben. Die Angst, dass damit ein Dammbruch einhergehen würde oder dass man dem Spiel seinen Sinn nehmen würde, wäre nicht begründet. Die Fußballgremien haben offensichtlich einen Wahrheitsbegriff verwendet, der Raum zur Entwicklung zulässt.

Was ist also eine sinnvolle theologische Alternative zum Fundamentalismus? Ich meine, dass es eine Theologie ist, die alle der Wahrheitsfindung dienenden Ressourcen nutzt und in der christlichen Gemeinschaft damit ringt. Im Vertrauen darauf, dass Gott unter uns ist und sein Geist uns alles lehren wird, was wir wissen müssen, übernehmen wir Verantwortung und treffen mündig Entscheidungen, die wir vor Gott und Menschen vertreten. Finden wir heraus, dass wir uns geirrt haben, dann kehren wir um und richten uns neu aus. Wir nehmen also Standpunkte ein, aber wir sind uns bewusst, dass wir möglicherweise falsch liegen.

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