Warum das Kreuz? Teil 4: Die Sache mit der Stellvertretung

Hast du das schon erlebt? Da sind Menschen überzeugt, das Richtige zu tun. Sie haben eine Mission und glauben, Teil von etwas Bedeutsamen zu sein, wichtiger als alles, was sie bislang kannten. Also geben sie eine Menge auf, stecken ihr gesamtes Herzblut in die Sache. All-in, kein Plan B. Und im Laufe der Zeit merken sie, dass es sich lohnt. Menschen werden berührt, Leben verändern sich, ein Stück Himmel auf Erden entsteht. Natürlich gibt es auch Widerstand, einige Menschen fühlen sich auf den Schlips getreten und stellen sich queer. Aber viel stärker wiegt das Gefühl, hier im Auftrag des Herrn unterwegs zu sein. Gott steht uns bei, ist auf unserer Seite und beflügelt alles, was angepackt wird. 

Dann kommt irgendwann der Punkt, an dem alles nicht mehr so leicht fällt. Die Euphorie ist nicht mehr da, Menschen zehren an den Nerven und es kostet nun viel Kraft. Natürlich ist man noch 110% dabei und vielleicht versucht man die Schwierigkeiten gerade mit noch mehr Einsatz auszugleichen. Aber hier und da fällt eine zynische Bemerkung. Das Ganze würde uns noch umbringen. 

Und auf einmal kommt eine Krise. Kritiker haben zu einem großen Schlag ausgeholt und von jetzt auf gleich wird es richtig gefährlich. Da ist kein Elan mehr, keine Leichtigkeit, nur noch blanke Angst und das beklemmende Gefühl, dass irgendjemand mit sehr viel Macht da ist und alles kaputt machen will.

Und es das Schlimmste passiert. Alles geht kaputt. Alles, woran man geglaubt hat, wo man sein Herzblut, Zeit, Geld, Interesse, Hoffnung reingesteckt hat – alles für die Katz. Nicht nur, dass man vor dem Scherbenhaufen steht und alles umsonst scheint. Jetzt wird eine Frage innen drinnen Laut, ja sie scheppert mit einem ohrenbetäubendem Knall in den Vordergrund und lässt einen kreidebleich erstarren: 

Wo ist Gott in all dem? 

Es entsteht eine Gewissheit, die eiskalt im ganzen Körper hochzieht: Die Frage ist keine wirkliche Frage, sie verschleiert nur die bereits gewisse Antwort, die da lautet: 

Nicht hier. Gott ist nicht da. Wir sind alleine. 

Es gibt Punkte im Leben, an denen alles scheitert. Man sagt, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, aber manchmal stirbt sie eben, nachdem alles andere vorher gestorben ist. Und genau das ist die Augangssituation am Karfreitag. Da hängt Jesus am Kreuz und sagt diesen unglaublichen Satz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Natürlich stirbt Jesus hier einen physischen Tod, aber er stirbt auch einen geistlichen. Denn Jesus ist der, dessen Hoffnung hier verloren geht. Alles, woran er geglaubt hatte, löste sich in ein Nichts auf. Ich glaube fest, dass Jesus diesen Satz ernst gemeint hat. Somit ist Jesus an den tiefsten Punkt gekommen, an den ein Mensch kommen kann.

Was uns direkt zur Stellvertretung bringt.

Ich bin ein absoluter Fan der Inkarnationslehre, der Lehre, dass in Jesus Gott Mensch wurde. „Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. Aber er erniedrigte sich ´noch mehr`: Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz ´wie ein Verbrecher`.“ Philipper 2 bringt diesen Gedanken unnachahmlich auf den Punkt. Gott wurde einer von uns. Das Wort Stellvertretung gibt es so nicht in der Bibel, aber für mich kommt dieser Vers am nächsten dran, was mit diesem Wort gemeint ist. Gott nimmt unsere Stelle ein, wird einer von uns und schmeckt es in vollen Zügen was es heißt, Mensch zu sein. Diesen Kelch trank Jesus bis zum bitteren Ende. Das heißt, dass Jesu Leben als Ganzes Stellvertretung gewesen ist.

In Jesus ist Gott in die Lebenswelt der Menschen eingedrungen und hat erlebt was es heißt, in einer durch Sünde und Tod beherrschten Welt zu leben. Verrat, Misshandlung, Folter, Lüge, Ungerechtigkeit, Verleumdung, Erniedrigung, Gewalt, Schmerz, Angst, Blut, Schweiß, Hass, Verachtung – in Jesus hat Gott all diese Erfahrungen in sich aufgesogen und hat sie so nah an sich herankommen lassen, wie es nur ging.

Gestern hat Tony Jones in einer bemerkenswerten Debatte zum Kreuz einen erstaunlichen Satz gesagt, den ich zunächst gar nicht nachvollziehen konnte. Er meinte, dass die letzten Wochen und Monate die schwersten in seinem Leben gewesen seien. Und in dieser Krise habe er Trost darin gefunden, dass Jesus am Kreuz sagte: „Warum hast du mich verlassen?“. Ich weiß nicht genau, was er eigentlich meinte. Aber vielleicht hilft es, wenn man am Tiefpunkt des Lebens weiß, dass Jesus auch da war und es deswegen Ok ist, auch dort angekommen zu sein.

In einem Gespräch sagte mir eine Freundin gestern, dass sie von Christen wisse, die den „Ort“ kennen würden, wo man Gott finden könne. So paradox es klingt, aber vielleicht musste Gott in Jesus Mensch werden und in die tiefste Hölle des menschlichen Daseins gehen, um für uns der Ort zu werden, an dem Gott uns finden kann. Der Ort, wo wir Gott begegnen ist der Ort, an dem wir nur noch rufen können Gott, warum hast du mich verlassen? Es ist der Ort, an dem Gott für uns stirbt. In Jesus umarmt Gott diese reale menschliche Erfahrung, dass der Gott, auf den wir hoffen, vor unseren Augen stirbt. Tiefer kann man nicht sinken.

Durchatmen.

Unsere Welt ist so, oft „herrscht der Tod“ (Römer 5). Oft bezwingt der Tod in dieser Welt das Leben und alles sieht so aus, als wäre dieser Planet ein gottverlassener Ort. Ich glaube, dass Stellvertretung bedeutet, dass Gott sich eins macht, mit dieser Erfahrung. Er kommt in diese Welt und tritt den Mächten dieser Welt entgegen. Und Gott wird von den Mächten brutal niedergerungen. Das Böse siegt vernichtend. Aber der Mensch gewordene Gott lässt dies mit sich machen, auf die Gefahr hin, dass alle Welt auf das Kreuz zeigt und verachtend mit dem Kopf schüttelt. Ich glaube, dass Gott das Kreuz nicht gewollt hat, genauso wenig wie er anderes Leid in der Welt will. Aber Gott konnte dagegen nichts tun. In Jesus erlebte Gott Ohnmacht, ein wahrhaft menschliches Erleben.

Aber in dieser Situation tat Gott das, was er tun kann. Und das ist, neues Leben zu schaffen. Wir nennen das Auferstehung. Theologen sprechen vom „Gott der neuen Möglichkeiten“. Wie man es auch nennt. Gott wird stellvertretend Mensch, erlebt Tod und schafft am dunkelsten Ort neues Leben.

Und jetzt wird es ein wenig mystisch. Denn wie funktioniert nun die Rettung am Kreuz? Der beste Text aus meiner Sicht stammt dazu von Paulus:

Wisst ihr nicht, dass wir alle durch diese Taufe mit einbezogen worden sind in seinen Tod? Durch die Taufe sind wir mit Christus gestorben und sind daher auch mit ihm begraben worden. Weil nun aber Christus durch die unvergleichlich herrliche Macht des Vaters von den Toten auferstanden ist, ist auch unser Leben neu geworden, und das bedeutet: Wir sollen jetzt ein neues Leben führen. Denn wenn sein Tod gewissermaßen unser Tod geworden ist und wir auf diese Weise mit ihm eins geworden sind, dann werden wir auch im Hinblick auf seine Auferstehung mit ihm eins sein.

– Römer 6

Stellvertretung sagt, dass Gott sich mit uns eins macht. Aber das eröffnet uns die Möglichkeit, uns mit Gott eins zu machen. Und dadurch werden wir auf geheimnisvolle Weise mit in das Leben Jesu hineingezogen. Wie das geht, keine Ahnung. Aber ich glaube, dass Kreuz und Auferstehung heute bedeuten können, dass bereits im Hier und Jetzt da wo Tod ist, Leben entstehen kann. Da wo keine Hoffnung mehr ist, können neue Möglichkeiten aufgehen. Da wo nur noch Scherben sind, entsteht ein neues Kunstwerk. 

Ein letzter Nachtrag.

In der wissenschaftlichen Theologie gibt es nicht wenige, die bezweifeln, dass am Ostersonntag das Grab Jesu leer war. Und ich kann nichts mit Christen anfangen, die mir beweisen wollen, dass dem so gewesen. Niemand kann das beweisen. Andererseits, wer meint, Jesus sei nur im Bekenntnis, im Glauben der Kirche oder in den Herzen der Gläubigen auferstanden, macht für mich den christlichen Glauben unglaublich langweilig und uninteressant. Hier ist die Sache: Ich glaube, dass dieses Grab leer war, dass Jesus körperlich auferstanden ist, weil das alles verändert. Ein leeres Grab bedeutet, dass auch heute alles möglich ist.

In diesem Sinn, frohe Ostern! Er ist auferstanden!

– Jason

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