Warum das Kreuz? Teil 3: Die Sache mit den Opfern

Im Gilgamsch-Epos, dem ältesten Schriftstück der Menschheitsgeschichte, wird die Geschichte einer Flut erzählt, die alle Menschen dahinraffen sollte. Einige Götter hatten sich über die Lautstärke der Menschen so geärgert, dass sie kurzen Prozess machen wollten. Ein wenig später fiel dem Götterrat aber auf, dass sie ohne die Menschen hungern würden, also stoppten sie die Flut. Nur wenige Menschen überlebten in einem großen Schiff und um die Götter wieder wohlwollend zu stimmen, opferten sie ein Schaf. „Die Götter nahmen den Geruch wahr, den lieblichen Geruch, und versammelten sich wie die Fliegen über dem Opferfleisch.“, so heißt es im Text.

Mit den Opfern ist es schwierig, denn die antike Gedankenwelt der Opfer ist uns fremd. Auf die Frage, warum Menschen opferten, gibt es außerdem viele unterschiedliche Antworten. Spannend ist, dass gerade die jüdische Bibel sich von vielen dieser Opfervorstellungen scharf distanziert hat. Nehmen wir beispielsweise die Vorstellung, dass Götter zornig werden, weil sie hungern und entsprechend der Zorn der Götter dadurch besänftigt werden könne, indem man ihnen Essen opfert. Dazu heißt es in Psalm 50,9ff:

„Ich will von deinem Hause Stiere nicht nehmen noch Böcke aus deinen Ställen. Denn alles Wild im Walde ist mein und die Tiere auf den Bergen zu Tausenden. Ich kenne alle Vögel auf den Bergen; und was sich regt auf dem Felde, ist mein. Wenn mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der Erdkreis ist mein und alles, was darauf ist. Meinst du, dass ich Fleisch von Stieren essen wolle oder Blut von Böcken trinken?“

Auch viele andere Arten von Opfern, bei denen sogar wie im heidnischen Moloch-Kult Kinder geopfert werden mussten, wurden in Israel verboten und unter Strafe gestellt (z.B. 3.Mo 18,21). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Geschichte von der Opferung Isaaks. Dort bekommt Abraham den Befehlt, seinen Sohn zu opfern, was später von Gott wieder zurückgenommen wird (vgl.1Mose 22). Das ist ein bedeutender Text, der sich gegen das Menschenopfer ausspricht.

Wozu gab es im Judentum dann Opfer? Das Thema ist komplex, aber hier sind einige Ansätze, die hoffentlich helfen. Der wichtigste Aspekt beim Opfern, hat mit dem Tempel zu tun. Das war laut jüdischer Bibel der Ort, an dem Himmel und Erde zusammen treffen, der Ort der Begegnung zwischen Gott und Mensch. Im jüdischen Kultus glaubte man nun, dass der Begegnungsort besonders geweiht sein musste, kadesh war das hebräische Wort dafür. Diese Weihe konnte durch verschiedene Dinge kontaminiert werden, was man tum’ah nannte (dt. kultisch unrein). Entsprechend musste jeder, der die Tempelanlage betreten wollte, rein sein. Das Buch Leviticus setzt sich vor allem damit auseinander, was einen Menschen unrein macht und wie man das erkennen und beheben kann. Beispielsweise würden unreine Spiesen, verschiedene Krankheiten, die Berührung von toten Lebewesen, Sex und verschiedene andere Dinge Menschen unrein machen. Unreinheit ist also keinesfalls eine rein moralische-ethische Kategorie, so wie wir ja Sünde vor allem als moralischen Fehltritt verstehen. Tum’ah ist da eher eine stoffliche Kategorie, etwas zum Anfassen. In den unzähligen Reinigungsriten gehört das geopferte Blut von bestimmten Tieren zu den wichtigsten Mitteln, um den Menschen zu reinigen. Im Blut steckte nach damaliger Vorstellung das Leben, und wenn Blut im Ritus benutzt wurde, dann wurde damit ausgesagt, dass das Leben Gott wieder hingegeben und geweiht würde. Das führte zur Reinigung, die man kaphar nannte, was häufig mit Sühne übersetzt wird. Der wichtigste jüdische Feiertag war der Jom Kippur. An diesem Tag wurde der gesamte Tempelbezirk einmal im Jahr neu geweiht und von der Unreinheit des Volkes befreit. Und das mit dem Blut eines Sündenbocks, quasi als Gegenmittel zur Unreinheit.

Unser Problem ist, dass wir diese Idee von kultischer Reinheit oder Unreinheit gar nicht mehr kennen. Stattdessen setzen wir für den Begriff „Unreinheit“ unser Verständnis von Sünde ein und kommen so zu völlig anderen Ergebnissen. Lesen wir im neuen Testament, dass “das Blut Jesu uns reinigt von aller Sünde”, dann denken wir automatisch, dass Gott nur vergeben kann, wenn ein Opfer den Zorn Gottes an unserer Stelle abbekommt. So bildet sich schnell ein Gottesverständnis, das eher an den Gilgamesh Epos oder an den kanaanäischen Gott Moloch erinnert. Das war sicher niemals das, was sich biblische Autoren gedacht haben.

Wenn die neutestamentlichen Autoren davon reden, dass Jesus für die Sünden geopfert wurde, oder dass sein Blut von Sünde reinigt, dann verwenden sie die Begriffe aus den jüdischen Ritualen in bildhafter Weise. Jesus ist de facto nie geopfert worden. Er starb an einem Kreuz, ein Hinrichtungsgegenstand. Er wurde von einem korrupten Rechtssystem verurteilt, es gab falsche Zeugen, Ankläger, Verhöre, Geißelungen und die Hinrichtung. Was es aber nicht gab, waren mystische Rituale, Heiligtümer, Priester, einen Altar und eine Zeremonie. Die Opfersprache hat Symbolcharakter.

Die Botschaft dahinter ist recht deutlich und dürfte wenig strittig sein. Wenn Jesus das Opfer für Sünden war und sein Blut reinigt, dann hat das für uns zur Konsequenz, dass wir Gott begegnen können. Darin sind sich alle Christen einig. Wir sind uns alle einig darin, dass Jesu Tod am Kreuz die Lösung gewesen ist. Mir geht es aber darum neu zu formulieren, wo das Problem gewesen ist. Gott ist nicht im Blutrausch, er kann Sünden vergeben und hat es nicht nötig, dass sein Zorn dadurch besänftigt wird, dass ein Unschuldiger stirbt. Das Problem verrorten die Schreiber des neuen Testaments woanders. Für mich wird das besonders gut im Hebräerbrief beschrieben. Dort erklärt der Autor sehr genau, welche symbolische Bedeutung der Jom Kippur für die Christen hat:

„Es hatte nun zwar auch der erste [Bund] gottesdienstliche Ordnungen und ein Heiligtum, das von [dieser] Welt war. (…) Da nun dies so eingerichtet ist, betreten zwar die Priester allezeit das vordere Zelt zur Verrichtung des Gottesdienstes; in das zweite [Zelt] aber geht einmal im Jahr nur der Hohepriester, [und zwar] nicht ohne Blut, das er für sich selbst und für die Verirrungen des Volkes darbringt. Damit zeigt der Heilige Geist deutlich, daß der Weg zum Heiligtum noch nicht offenbar gemacht ist, solange das vordere Zelt Bestand hat. Dieses ist ein Gleichnis für die gegenwärtige Zeit, in welcher Gaben und Opfer dargebracht werden, die, was das Gewissen anbelangt, den nicht vollkommen machen können, der den Gottesdienst verrichtet, 10 der nur aus Speisen und Getränken und verschiedenen Waschungen [besteht] und aus Verordnungen für das Fleisch,5 die bis zu der Zeit auferlegt sind, da eine bessere Ordnung eingeführt wird.

Das Blut des Hohenpriesters Jesus Christus als Grundlage des neuen Bundes und der ewigen Erlösung. Als aber der Christus kam als ein Hoherpriester der zukünftigen [Heils-]Güter, ist er durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt. Denn wenn das Blut von Stieren und Böcken und die Besprengung mit der Asche der jungen Kuh die Verunreinigten heiligt zur Reinheit des Fleisches, wieviel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist als ein makelloses Opfer Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dienen könnt.

– Hebräer 9

Wie gesagt, diese Sprache ist für uns fremd. Aber was der Autor sagen will ist, dass es nicht darum ging, Gott zu besänftigen, sondern um unser Gewissen zu erleichtern! Die Verbindung macht für uns heute wenig Sinn, da wir mit der Opfersprache wenig anfangen können, die im Judentum den Denkhorizont ausmachte. Daher ist es schwer, die Metapher des Opfers heute zu benutzen und den selben Effekt zu erzielen, den diese Worte bei den ersten Adressaten hatte. Ohne Metapher ausgedrückt geht es darum: Gott hält an seiner Liebe zu uns fest und lässt sich auch nicht durch das Kreuz davon abbringen. Gott lässt sich von Nichts und niemandem davon abbringen, dich zu lieben. Du kannst beruhigt alles loslassen, was dein Gewissen belastet und dich fragen lässt, ob Gott dich dennoch liebt. Gott ist auf deiner Seite. Das meint es, dass Jesus sich für unsere Sünden geopfert hat. 

– Jason

Morgen kommt der vorerst letzte Post zum Thema. Und vielleicht ist es der wichtigste. Es wird darum gehen, was Stellvertretung ist.

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