Die Frage nach dem Leid

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Die Frage nach dem Leid

Dienstag lenkte der Co-Pilot des Fluges mit der Flugnummer 4U9525 eine Maschine von Germanwings in den Alpen in ein Felsmassiv. 150 Menschen sterben, darunter eine Schulklasse. Es sieht so aus, als habe der Co-Pilot das Flugzeug absichtlich abstürzen lassen. Mich macht das sehr betroffen, auch weil ich selber in ein paar Wochen dieselbe Strecke mit Schülern fliegen werde.

Man sollte denken, dass wir durch die ständigen Katastrophen der Welt, die wir jeden Tag in den Medien mitbekommen, irgendwie abstumpfen. Und doch merke ich, dass dieser Schmerz und diese Trauer überwältigend ist. Es fühlt sich danach an, dass diese Welt außer Kontrolle ist. Und genau dieser Frage möchte ich nachgehen. Hat Gott die Kontrolle? Woher kommt das Leid? Warum verhindert Gott das Leid nicht?

Die Suche nach Antworten

Diese Fragen sind alt und man hat schon viel drüber nachgedacht. Aus meiner Sicht hat die Theologie bislang keine vernünftige Antwort geliefert. Natürlich hat man Ansätze und Erklärungsversuche. Aber bei ihnen ist es so, dass eine Antwort nur noch viel mehr Fragen aufwirft. Das gilt auch für meinen Beitrag. Dennoch denke ich, dass man sich Gedanken machen sollte. Dieses Gespräch kann so vielleicht helfen, einen gesunden Umgang mit Leid zu finden. Daher steige ich an einer vielleicht ungewöhnlichen Stelle ein.

Nämlich bei den Eigenschaften Gottes. Theologen, die über die Frage des Leidens nachdachten, diskutieren hier vor allem drei Eigenschaften: Gottes Güte, seine Allmacht und seine Verstehbarkeit. Zur Erklärung, Verstehbarkeit meint nicht, dass man Gott völlig erfassen kann. Es geht hier darum, ob wir überhaupt etwas von Gott verstehen können.

Mir ist aufgefallen, dass die typischen Erklärungsversuche, die ich so in Büchern oder Predigten mitbekommen habe, immer nur an je zwei dieser Attribute festhalten. Das dritte Attribut wird aber immer runtergeschluckt.

Manche wollen festhalten, dass Gott gut ist und gehen gleichzeitig davon aus, dass Gott in der Lage ist, schlimme Dinge wie Flugzeugabstürze, Kriege oder den Holocaust zu verhindern. Daraus folgt dann zwangsläufig, dass die Verstehbarkeit Gottes fallen gelassen werden muss. Christen, die diesen Weg wählen, sagen Dinge wie: „Vielleicht wirst du im Himmel eine Antwort auf die Frage bekommen, wozu dieses Leid gut gewesen ist.“ Diese Welt wird dann mit einem gewebten Teppich verglichen, auf der unteren Seite ergibt die Nadelführung keinen Sinn, aber auf der anderen entsteht ein wunderschönes Muster.

Andere betonen neben der Allmacht und Souveränität Gottes seine Verstehbarkeit. Für diese Christen ist das Leid in der Welt bzw. Gottes Rolle dabei gar nicht so unverständlich. Aus dieser Ecke hört man dann Erklärungen, wie dass Tsunamis, Erdbeben oder Epidemien Gottes Gericht für verschiedene Sünden seien, um die Menschen wach zu rütteln. Was hier unter den Tisch fällt, ist eindeutig Gottes Güte. Man muss nur einmal lesen, was so manche Christen nun zu dem Flugzeugabsturz zu sagen haben, eine Kostprobe aus Facebook:

„Der Vater Jesu Christi ist nicht der Urheber von Katastrophe und Wahnsinn. Jedoch: Kein Unglück und keine gewalttätige Tat geschieht in seiner Abwesenheit, es muss an ihm vorbei.“

Sprich, Gott wird schon seine Gründe gehabt haben.

„Wir dürfen uns nicht wundern wenn Gott solche und ähnliche Katastrophen zulässt, wenn wir Gott aus unserem Leben entfernen, wie zB. die Kreuze aus öffentlichen Gebäuden und Schulen abhängen. Bibeln nicht mehr in Hotels zu finden sind, etc.“

Das Leid ist sinnlos

Verfluchte Scheiße noch einmal – das kann ja wohl nicht wahr sein! Was für einen Müll verzapfen wir Christen eigentlich? Sollen wir uns bei jedem Unglück fragen, welcher perfide Plan Gottes hinter dieser oder jener Katastrophe steckt? Geht’s noch? Mich macht das wütend und zornig.  Und diejenigen, die glauben, dass die Schwere und der Schmerz von Krieg, Terror und Unglück eine Warnung Gottes ist  – ja, selbst der große C.S Lewis meinte, dass Leid Gottes Megaphone sei – die mögen einmal in ihre Bibel gucken. Da steht, dass Gottes Güte uns zur Umkehr leiten will. Gott ist kein Saddist. Und er ist nicht so unfähig, dass er uns wesentliche Lebenseinsichten nicht auf weniger dramatische Art beibringen könnte.

Ich möchte gerne das Dunkle in der Welt als solches bezeichnen dürfen. Ich will keinen Sinn hinter dem Holocaust erkennen. Der Holocaust war falsch und unnötig. Und ich will ausdrücken dürfen, dass Gott darin versagt hat, den Holocaust zu verhindern. Gott steht nicht über den Dingen und zieht kühl an den Strippen. Gott leidet an der Welt. Es gibt keinen Masterplan, der dem Leid in der Welt letztlich doch noch einen sinnvollen Nutzen verleiht. Wir werden auch niemals im Himmel zu der Einsicht kommen, dass dieses ganze Elend doch noch zu etwas gut war. Nennen wir Dinge beim Namen. In dieser Welt läuft sehr viel schief. Nicht alles, längst nicht alles. Aber Gott kriegt es gerade nicht besser hin.

Ich bin also sehr daran interessiert, das Leid und Gottes Rolle in der Welt neu zu denken. Und bevor man mich drauf festnagelt: Meine Gedanken hier sind Gedanken. Keine feststehenden Wahrheiten. Ich bin fest überzeugt, dass Frank Schaefer recht hatte, als er meinte, dass all unsere Theologie falsch ist. Aber ich möchte diese Gedanken denken, um weiter zu kommen.

Nachdenken über einen alternativen Ansatz

Auffällig ist aber, dass sich kaum jemand über die dritte Variante Gedanken gemacht hat. Jedenfalls ist mir keine Predigt bewusst, in der die dritte Möglichkeit in Erwägung gezogen worden wäre: Ist es möglich, dass Gott zwar das Leid nicht will, wir grundsätzlich auch etwas über Gottes Wege verstehen können, aber Gott einfach nicht in der Lage ist, das Leid in der Welt zu verhindern?

Das scheint natürlich abwegig. Im Glaubensbekenntnis heißt es direkt im ersten Satz, dass Gott allmächtig ist. Und das völlig zu Recht. Ich glaube, dass dieser Satz wahr ist. Und doch muss man darüber nachdenken, was wir damit meinem, dass Gott allmächtig ist. Vielleicht entsteht darüber ein anderer Zugang zum Leid.

In den letzten Beiträgen hatte ich bereits erwähnt, dass mir die Idee zusagt, dass es eine Unterscheidung oder Trennung zwischen Gott und Schöpfung geben muss. Ich denke, dass Gott der Schöpfung Freiheit zur Entfaltung zugestehen muss, damit sie überhaupt sein kann. Ohne Freiheit wäre das Universum nicht von Leben erfüllt, es wäre einfach eine Simulation, eine Geschichte, die Gott sich selber erzählt, ohne jedes Eigenleben. Ohne Freiheit gibt es keine Schöpfung, dann gäbe es nur Gott, aber kein Gegenüber.

Das bringt uns zurück zum ersten Beitrag dieser Serie. Im ersten Post hatte ich angelehnt an Offenbarung 3,20 argumentiert, dass Gott einzelnen Menschen Freiheit gibt. Er klopft an die Türe des Herzens, aber Gott tritt diese Tür nicht ein. Gott stoppt vor den Türen, weil er den Menschen ihren freien Willen zugesteht. Was für einzelne Menschen gilt, das gilt entsprechend auch für größere Menschengruppen und Systeme. Es gilt für die Institutionen und Organisationen – für die Gewalten und Mächte der Welt. Auch sie haben Freiheit. Auch hier wird Gott nicht die Türen eintreten.

Vielleicht macht es aber Sinn, dieses Prinzip generell auf das Verhältnis von Gott und Schöpfung anzuwenden. Gott lässt also nicht nur den Menschen und den Mächten Freiheit, sondern jedes Molekül, jeder Energiefluss, einfach alles in diesem Universum hat Freiheit. Die Kehrseite des Ganzen wäre dann, dass Gott die Kontrolle über dieses Abenteurer der Schöpfung aus der Hand gegeben hat. Leid ist demnach das Nebenprodukt der Freiheit. Und scheinbar steht Gott dem geradezu hilflos gegenüber. Walter Wink hat anschauliche aber auch schauerliche Worte dafür gefunden. Er sagt, dass Gott wie in einem Käfig gefangen sei, dass er in Ketten liege. Krankheiten, Naturkatastrophen, unglückliche Zufälle – vielleicht sperren nicht nur Menschen Gott aus, vielleicht gilt auch für die Natur.

Auch hier ist Gott nicht passiv und untätig. Die Metapher des Klopfens macht Sinn. Gott pumpt unablässig Möglichkeiten in das Universum. Walter Wink formuliert: „Gott ist die ständige Möglichkeit der Veränderung, die jeder Gelegenheit anhaftet“. Wissenschaftler nennen es heute Evolution, aber was ist das anders, als dass Gott immer wieder neue Möglichkeiten zur Veränderung, zur Höherentwicklung gegeben hat? Neu an dieser Sichtweise wäre, dass die ganze Schöpfung auf diese Möglichkeiten Gottes reagieren kann, sich dem Wirken Gottes aber auch verschließen kann.

Wie wir Gottes Allmacht verstehen könnten

Wie kann man nun Gottes Ohnmacht und seine Allmacht zusammen denken? Für mich macht es Sinn, Gottes Allmacht im Zusammenhang mit der Liebe Gottes zu verstehen.

Wenn man ein wenig über den Begriff der Allmacht nachdenkt, dann wird man schnell dahin kommen, dass Allmacht ohnehin nicht ein Alles-Können meinen kann. Da gibt es verschiedene eher philosophische Überlegungen: Kann Gott einen Stein erschaffen, den er selbst nicht heben kann? Oder kann Gott Gott bleiben und dabei lieblos handeln? Oder kann Gott aufhören, Gott zu sein? Kann Gott sündigen? In Hebräer 6,18 heißt es, dass Gott nicht lügen kann. 2.Timotheus 2,13 sagt, dass Gott nicht untreu sein kann. Hier scheint Gott doch einige Grenzen zu haben.

Es macht Sinn anzunehmen, dass Gottes Allmacht durch sein eigenes Wesen beschränkt ist. Und das ist nunmal Liebe. Eberhard Jünger hat beispielsweise von „Gottes allmächtiger Liebe“ gesprochen. Auch Wilfried Härle plädiert dafür, Gottes Allmacht von seiner Liebe her zu denken. Die Liebe sei schließlich die größte Macht: „In ihrer ganzen Wehrlosigkeit und Gewaltlosigkeit ist die Liebe die größte Macht, weil nur sie die Macht der Lieblosigkeit, der Angst und des Todes zu überwinden vermag“. Mit Dorothee Sölle möchte ich erklärend anfügen: „Gott kam mit keinem anderen Kapital in die Welt als mit seiner Liebe, und sie war so machtlos und mächtig, wie Liebe eben ist. Außer seiner Liebe hat er nichts, unser Herz zu gewinnen“.

Ist Gottes Liebe genug? Wird Gottes Liebe am Ende das letzte Wort haben? Gott hört zumindest nicht auf zu lieben, denn die Liebe hört niemals auf (1.Korinther 13). Gott klopft. Gott ist treu. Er hat den längeren Atem. Gott gibt nicht auf. Gott versucht es immer wieder. Da, wo Dinge schief laufen, wo etwas kaputt geht, da schafft er neue Möglichkeiten für Leben. Und zur Not fängt Gott wieder neu an. Immer wieder. Das ist eine andere Form von Allmacht. Aber eine, mit der ich mich besser anfreunden kann.

Ein anderer Zugang zum Leid

Das ist alles Gedanken, die das Leid nicht erklären. Es tun sich eher viele neue schwierige Fragen auf. Für mich ändert sich aber die Ausgangssituation, um Leid zu begegnen. Glaube ich an einen guten Gott, der diese Welt in eine gute Richtung lockt, aber eben nicht die Kontrolle hat, dann lasse ich mich auf keinerlei Versuche ein, diesen Gott zu manipulieren, damit das Schicksal auf meiner Seite ist.

Ich werde nicht im Leid nicht nach einem verborgenen Sinn suchen, nach etwas, das Gott dadurch bewirken will. Ich werde mich vielmehr der vollen Wucht dessen zu stellen versuchen, was Leid mit mir macht. Glaube ich an einen tieferen Sinn, oder daran, dass das Leid eine Warnung vor noch größerem Leid ist, dann sind das doch klägliche Versuche, zu vermeiden, dass das Leid in mir Dinge anrichtet, die es nun einmal anrichtet. Und diese Vermeidungsstrategien haben ihren Preis. Denn sie versuchen zwar das Leid zu erleichtern, aber sie funktionieren wie ein Lautstärkeregler. Sie senken die Frequenzen, die weh tun. Aber sie dämpfen auch alle andere Frequenzen. Und so werden wir unempfänglich für die Musik, die wir Leben nennen. Das ist kein Weg, um am Leid nicht zu zerbrechen. Aber was ich mir für mein Leben wünsche ist, den Lautstärkeregler aufzudrehen und das ganze Leben zu spüren.

– Jason

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