Die Verwandlung der Mächte*

*Das ist nebenbei ein Buchtitel von Walter Wink. Viele meiner Ideen zu dem Thema stammen aus diesem Buch.

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Wo waren wir stehen geblieben?

Menschliche Institutionen, Organisationen, usw. haben also eine sichtbare und eine unsichtbare Seite. Mächte in dieser Welt sind korrumpiert, sind gefallen und können zerstörerisch sein. Mächte können uns in ihren Bann ziehen und uns zu ihren Multiplikatoren machen. Und Mächte können Gottes Absichten mit der Welt unterwandern und Gottes gutes Wirken aufhalten.

Im Kolosserbrief wird der Themenkomplex um die Mächte recht intensiv behandelt. Dabei sagt Paulus einige Dinge, die einfach nur ungeheuerlich sind. Im ersten Kapitel startet er seinen Gedankengang:

„Durch ihn (Jesus) hat Gott alles erschaffen, was im Himmel und was auf Erden ist. Er machte alles, was wir sehen, und das, was wir nicht sehen können, ob nun Könige, Reiche, Herrscher und Gewalten. Alles ist durch ihn und für ihn erschaffen.“

Gott hat diese Welt so angelegt, dass es diese untrennbare Verbindung zwischen Himmel und Erde gibt, die Mächte sind also Teil der Schöpfung, sie sind gottgewollt. Und ja, sie sind gefallen. Aber sie sind für Christus geschaffen – was man auch übersetzen kann mit:  (…) sie finden ihr Ziel in Christus.

Was heißt das?

Gott hat mit den Mächten ein gutes Ziel. Krankenhäuser, Ministerien, Familien, Aktiengesellschaften, Börsen, Firmen – all diese Netzwerke sollen verwandelt werden.

Diesen Punkt möchte ich unterstreichen. Der Kolosserbrief geht eben nicht davon aus, dass Gott diese Welt mit den sie beherrschenden Mächten aufgegeben hat, vielmehr ist Gott dabei, diese Welt wieder ins Lot zu bringen. Das Evangelium besagt nicht, dass diese Welt zerstört und nur diejenigen, die Anhänger der richtigen Religion sind und entsprechend das Richtige glauben, vor dieser Zerstörung an einen anderen Ort – genannt Himmel – evakuiert werden. Was Paulus hier sagt, ist viel schwerer zu glauben.

Aber es wird noch besser. Paulus behauptet, dass „Gott die Herrscher und Mächte dieser Welt (dieses Systems) entwaffnet“ hat. „Er hat sie öffentlich bloßgestellt“. Gott hat ihnen die Fassade eingerissen, die Maske abgezogen, die Propaganda entlarvt. Und wie?

„…indem er durch Christus am Kreuz über sie triumphiert hat.“ (Kolosser 1,15). Er ist Herr über alle Herrscher und alle Mächte (V.10).

Es ist eine Sache, zu glauben, dass diese gefallene Welt mit ihren Mächten noch zu retten ist. Aber es ist eine andere Sache, zu behaupten, dass dies im Grunde bereits Realität ist – weil ein jüdischer Wanderprediger, ein alternativer Querulant dem römischen Imperium so lange auf die Nerven ging, dass sie ihn in einer Provinz haben hinrichten lassen.

Und es geht noch weiter.

Nicht nur, dass die Mächte entwaffnet und besiegt sind, nicht nur, dass Jesus Herr über alle Mächte ist – wir sind auch aus den Händen der Mächte befreit (V.20).

Und es wird noch besser.

Denn dieser Paulus, der diese Worte schreibt, sitzt gerade im Knast! Auch er scheint irgendwem auf die Nerven gegangen zu sein und nun ist auch er unter die Räder des Systems gekommen.

Wie kann einer solche Worte schreiben? Wie kann jemand von Freiheit, Sieg und Entwaffnung reden, wenn er selber völlig ohnmächtig im Gefängnis ist und die Mächte offenbar nicht verwandelt wurden, sondern immer noch in absoluter Übermacht sind? Meint Paulus das ernst?

Gehen wir zwei drei Schritte zurück.

Was sind die Waffen der Mächte? Was macht die Mächte mächtig? Und wie können Mächte besiegt werden? Was gibt Paulus diese unglaubliche Hoffnung? Und wie kommt es zu diesem Widerspruch zwischen Freiheit von dem Mächten und gleichzeitiger Gefangenschaft durch die Mächte?

Die Waffen der Mächte ist ihre Fähigkeit zu zerstören und andere zu Werkzeugen der Zerstörung zu machen. Mächte können andere vereinnahmen und zum Bösen verwandeln. Und die Mächte gehen dabei klug vor, denn sie verführen uns. Die Mächte erzählen uns eine Geschichte darüber, wie die Welt funktioniert und wie deren Probleme gelöst werden können. Walter Wink nennt das den „Mythos der erlösenden Gewalt“. Die Mächte zeigen auf, wer für die Probleme scheinbar verantwortlich ist. Die Mächte benennen also Sündenböcke, Feinde. Und sie machen uns klar, dass Feinde nur besiegt, niemals aber versöhnt werden können. Daher muss man gegen Feinde kämpfen, gegen Feinde hilft nur Gewalt.

Können Mächte eigentlich auch Gott infizieren?

Das ist die entscheidende Frage, die hinter der Passionsgeschichte steht. Würde Gott dieselbe Propaganda übernehmen? Würde auch Gott auf uns Menschen zeigen, uns zu Feinden erklären und annehmen, dass Feinde nur besiegt werden können? Würde Gott uns Menschen aufgeben und davon ausgehen, dass Menschen nicht mehr zu retten sind?

„Ihr wart seine Feinde und eure bösen Gedanken und Taten trennten euch von ihm, doch nun hat er euch wieder zu seinen Freunden gemacht. Durch seinen Tod am Kreuz in menschlicher Gestalt hat er euch mit sich versöhnt“ (K 1,21)

Der Sieg am Kreuz besteht darin, dass die Mächte nicht in der Lage waren und sind, Gott zu korrumpieren. Am Kreuz haben die Mächte alles aufgefahren, was sie hatten. Das komplette Waffenarsenal – von sadistischer Folter, Misshandlung, Verrat, Verleumdung, Demütigung – man könnte noch viel mehr anführen. Aber nichts konnte Gott davon abbringen, seine Feinde zu lieben:

„Ich bin überzeugt: Nichts kann uns von seiner Liebe trennen, weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Ängste der Gegenwart, noch Sorgen der Zukunft, ja nicht einmal die Mächte der Hölle können uns von Gottes Liebe trennen.“ Römer 8

Diese Erkenntnis hat Paulus Kraft gegeben, daher diese fast übermutigen Worte im Kolosserbrief. Ich meine, dass Paulus durch das Kreuz etwas über Gott gelernt hat. Nämlich dass Gott sich von Nichts und Niemandem abbringen lassen würde, an jeder Tür dieses Universums zu klopfen. Gottes Atem ist länger. Gottes Liebe lässt sich nicht korrumpieren, sie ist stärker als der Tod.

Dazu noch einmal Wilfried Härle – der Satz ist einfach zu gut: „In ihrer ganzen Wehrlosigkeit und Gewaltlosigkeit ist die Liebe die größte Macht, weil nur sie die Macht der Lieblosigkeit, der Angst und des Todes zu überwinden vermag“. Das Geniale an der Liebe ist, dass sie die zerstörerischen Mächte verwandeln kann. Nur so können die Mächte besiegt werden. Alle anderen Wege führen dazu, dass man selber zu dem wird, was man bekämpft. Das Kreuz macht aber deutlich, dass alle Versuche, Gottes Liebe zu sabotieren, zum Scheitern verurteilt sind. Gott wird weiter lieben. Und das ist der Grund zur Hoffnung.

Demnach hat das Universum eine Tendenz zum Guten, allerdings ohne einen Automatismus. 

Und das führt uns zu der Frage danach, warum diese Welt immer noch so aussieht, wie sie aussieht. Was ist nun mit dem Leid?

Morgen: Die Frage nach dem Leid.

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