Gleichnisse vom heruntergekommenen Gott #4 Beschämung abwendende Gastfreundschaft

Und weiter gehts mit einigen Ideen zu Gleichnissen, die etwas aus dem Rahmen fallen. (Falls du Teil 1 noch nicht gelesen hast, so macht es in jedem Fall Sinn, sich diesem Text dieses 5 minütige Video anzusehen)

Weiter sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Angenommen, einer von euch hat einen Freund. Mitten in der Nacht sucht er ihn auf und sagt zu ihm: ›Bitte leih mir doch drei Brote!  Ein Freund von mir hat auf der Reise bei mir Halt gemacht, und ich habe nichts, was ich ihm anbieten könnte.‹  Und angenommen, der, den er um Brot bittet, ruft dann von drinnen: ›Lass mich in Ruhe! Die Tür ist schon abgeschlossen, und meine Kinder und ich sind längst im Bett. Ich kann jetzt nicht aufstehen und dir etwas geben.‹ Ich sage euch: Er wird es schließlich doch tun – wenn nicht deshalb, weil der andere mit ihm befreundet ist, dann doch bestimmt, weil er ihm keine Ruhe lässt. Er wird aufstehen und ihm alles geben, was er braucht.

– Lukas 11,5-8

Jesus malt in dem Gleichnis das Bild eines bäuerlichen Dorfes, deren Bewohner durch einen nächtlichen Besuch aufgeweckt werden. Ein Reisender macht halt und der hoch angesehene Wert der Gastfreundschaft fordert eine entsprechende Verpflegung Seitens des des Dorfes. Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht nur der einzelne Gastgeber gefordert war, sondern die Reputation des gesamten Dorfes auf dem Spiel stand.

Wenn dieser erste Gastgeber keine drei Brote zur Verfügung hat, dann hat er nicht vergessen einzukaufen, sondern er hat buchstäblich nichts zum Vorsetzen. Es muss sich um ein Dorf handeln, in dem Lebensmittel knapp sind, was den Zuhörern Jesu bekannt sein dürfte. Sie werden die römische Politik der limitierten Güterversorgung am eigenen Leib erfahren haben (man lese unter diesem Gesichtspunkt die Geschichten der Brotvermehrung!).

Der Gastgeber geht also zu einem anderen Dorfbewohner und fragt ihn. Dabei ist diese Frage keine Bitte um einen gefallen, denn Gastfreundschaft ist die Pflicht des gesamten Dorfes. Zwar würde es für den schlafenden Bauern etwas Arbeit bedeuten, er müsste nämlich drei neue Brote backen (nur frisch zubereitetes Essen wäre gebührend), aber die Ausrede mit den Kindern scheint doch vorgeschoben. Nicht die Kinder sind das eigentliche Problem, die wirtschaftliche Situation stellt den Bauern vielmehr vor die Wahl, zuerst für das eigene Wohl oder das der Gemeinschaft zu sorgen.

Die dörfliche Unterschicht war existentiell darauf angewiesen, dass man für einander eintrat. Wenn Tribute oder schlechte Ernten Bauern in die Krise brachten, dann konnten sie nur von der Dorfgemeinschaft aufgefangen werden. Werden Repressalien gegen ein Volk jedoch so massiv, dass die Dorfgemeinschaft dadurch zerbricht, dann wird es sehr schwierig.

Spannend ist, dass Lukas dieses Gleichnis nach dem Abschnitt über die Sendung der siebzig Jünger platziert hat. Dort heißt es:

„Geht nun! Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Sandalen. (…) Wenn ihr ein Haus betretet, sagt als Erstes: ›Friede sei mit diesem Haus!‹ Wenn dort jemand bereit ist, den Frieden zu empfangen, den ihr bringt, wird der Frieden auf ihm bleiben; wenn aber nicht, wird der Frieden zu euch zurückkehren. Bleibt in dem Haus, in dem man euch aufnimmt. Esst und trinkt, was man euch dort gibt“ – Lukas 10,1ff

Vielleicht sprechen beide Texte von derselben Sache, gehen aber aus einer anderen Perspektive vor. In einer Zeit, in der Gastfreundschaft wirklich etwas gekostet hat, da schickt Jesus seine Jünger ohne Geld in fremde Häuser. Und dann erzählt er ein Gleichnis über ein Dorf, dass sich Gastfreundschaft kaum leisten kann, aber dennoch einen Gast aufnimmt. Was Jesus hier tut ist, dass er eine Gemeinschaft von Menschen initiiert, die sich nicht von den Unterdrückern zur Selbstsucht zwingen lässt. Diese Gemeinschaft würde auch in Notzeiten zum Teilen bereit sein. Sie knüpft an die Gastfreundschaft Abrahams an, der in Genesis 18 zum Gastgeber von Gottes Botschaftern wird.

Und deswegen würde der schlafende Bauer am Ende doch aufstehen. Selbst wenn Freundschaft nicht mehr ausreichen würde, damit der Bauer sich zum Brotbacken aufrafft – etwas anderes würde dazu führen. Der Text führt hier das Wort anaideian an.

Laut Herzog kann man es mit „Beschämung abwenden“ übersetzen. Er sagt, dass dieser Begriff in jedem Fall eine Einstellung beschreibt, die soziale Einschränkungen und Konventionen unbeachtet lässt. Die Frage stelle sich nun, wessen Beschränkung von wem verletzt wurde. Er bezieht es darauf, dass der schlafende Gast aufstehen würde, um sich der der Beschämung und der Erniedrigung durch finanzielle Ausbeuter zu entziehen, die selbst die dörfliche Gemeinschaft in ihren Grundfesten bedrohen könnten.

Diese Bedeutung denken die deutschen Bibelübersetzungen nicht. Bei Luther heißt es beispielsweise, dass der Freund wegen des „unverschämten Drängens“ seines Gastgebers aufsteht. Für Herzog ist aber eher eine innere Motivation ausschlaggebend: Der Freund steht auf, weil er damit ein Zeichen setzen will. Im historischen Kontext wäre es ja auch keine unverschämte Bitte gewesen, die der Gastgeber äußert, da dem gesamten Dorf die Verpflichtung der Gastfreundschaft auferlag.

Was hätten solche Handlungen mit Gebet zu tun? Der Text wird von Lukas ja in den Kontext des Gebets gesetzt – vorher das „Vater unser“, anschließend der Ausspruch „Wer bittet, dem wird gegeben“. Vielleicht wollte an dem Gleichnis zeigen, dass eine derart großzügige Gastfreundschaft Gebet ist. Denn in dem Fremden nimmt man Gott auf. Das war schon bei Abraham der Fall.

– Jason

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