Gleichnisse vom heruntergekommenen Gott #3 unter den Rädern des Systems

(Falls du Teil 1 noch nicht gelesen hast, so macht es in jedem Fall Sinn, sich diesem Text dieses 5 minütige Video anzusehen)

Eine neuer Text:

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

(Gibt es keine bessere Überschrift zu diesem Gleichnis? Wie wäre es mit: Wenn du unter die Räder des Systems kommst)

»Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er ´fand etliche und` einigte sich mit ihnen auf den ´üblichen` Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg. Gegen neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort noch andere untätig herumstehen. ›Geht auch ihr in meinem Weinberg arbeiten!‹, sagte er zu ihnen. ›Ich werde euch dafür geben, was recht ist.‹ Da gingen sie an die Arbeit. Um die Mittagszeit und dann noch einmal gegen drei Uhr ging der Mann wieder hin und stellte Arbeiter ein. Als er gegen fünf Uhr ´ein letztes Mal` zum Marktplatz ging, fand er immer noch einige, die dort herumstanden. ›Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹, fragte er sie. ›Es hat uns eben niemand eingestellt‹, antworteten sie. Da sagte er zu ihnen: ›Geht auch ihr noch in meinem Weinberg arbeiten!‹  Am Abend sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ Die Männer, die erst gegen fünf Uhr angefangen hatten, traten vor und erhielten jeder einen Denar.  Als nun die Ersten an der Reihe waren, dachten sie, sie würden mehr bekommen; aber auch sie erhielten jeder einen Denar.  Da begehrten sie gegen den Gutsbesitzer auf.  ›Diese hier‹, sagten sie, ›die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du gibst ihnen genauso viel wie uns. Dabei haben wir doch den ganzen Tag über schwer gearbeitet und die Hitze ertragen! ‹ Da sagte der Gutsbesitzer zu einem von ihnen: ›Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt? Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin?‹ So wird es kommen, dass die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten.«

– Lukas 20,1ff.

Wenn Jesus von einem Weinbergbesitzer spricht, dann redet er über einen Menschen aus der Oberschicht. Ein Weinberg gehört in die Sparte der Luxuswaren, nicht zur Subsistenzwirtschaft der anderen Bauern, die für den Eigenbedarf wirtschafteten.

Im ersten Teil des Gleichnisses wirbt der Gutsbesitzer Tagelöhner an. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten war der Anteil von Menschen, die als Tagelöhner arbeiten mussten, stark auf vielleicht 30% angestiegen. Dabei entsteht ein Ungleichgewicht zwischen benötigten Arbeitskräften und dem Angebot an Arbeitskräften. Dies führt natürlich dazu, dass die Löhne gedrückt werden können, Großgrundbesitzer werden immer Menschen finden, die für weniger Geld die anfällige Arbeit verrichten. Fragt der Großgrundbesitzer also, warum die betreffenden Arbeiter immer noch auf dem Marktplatz stehen, so hat das nichts mit Faulheit zu tun, sondern mit struktureller Arbeitslosigkeit, mit Dumpinglöhnen und sozialer Ungerechtigkeit.

Wenn man sich nun Nachschlagewerke ansieht, dann wird man lesen, dass ein Denar ein Tagelohn für einen Arbeiter ist. Dann sollten die Tagelöhner doch zufrieden sein und hätten keinen Grund sich zu beschweren, oder nicht? Der Gutsbesitzer würde in dem Gleichnis als ein Vorbild für Großzügigkeit gelten, da er Tagelöhnern einen vollen Verdienst als Grundgehalt zahlt, wobei es für ihn nicht wirtschaftlich gewesen ist. Diese Deutung ist allerdings nicht unproblematisch. Aus Sicht der Tagelöhner muss man festhalten, dass ein Denar am Tag für einen Einzelnen das Existenzminimum abdeckt, aber eben nicht reicht, um eine Familie zu ernähren. In einer Zeit, in der Familienzusammenhalt das wichtigste soziale Netz darstellt, ein entscheidender Faktor. Dazu muss bedacht werden, dass ein Tagelöhner keine Garantie hat, auch in den Folgetagen beschäftigt zu werden oder jeweils voll bezahlt zu werden. Tagelöhner leben also deutlich unterhalb der Armutsgrenze, weshalb sich ihre Lebenserwartung ab dem Eintritt in das Tagelöhnerdasein auf sechs Jahre reduzierte. Die Frage ist berechtigt, inwiefern der Weingutsbesitzer hier großzügigg gehandelt hat.

Ein entscheidendes Moment in der Parabel ist die Auszahlung des Gehalts. Auffällig ist, dass hier der Verwalter ins Spiel kommt. Manche Ausleger nehmen an, dass Jesus den Gutsbesitzer nur deswegen zum Marktplatz gehen lässt, um zu verdeutlichen, dass hier ein Klassenkonflikt vorliegt. Normalerweise treten Gutsbesitzer nicht mit Arbeitern in Kontakt, das ist ja gerade der Sinn hinter der Einsetzung von Verwaltern. In dieser Szene bekommt der Verwalter den eindeutigen Auftrag, das Aufbegehren der früh eingestellten Arbeiter zu provozieren, da die Gehaltsauszahlung so erfolgen soll, dass die zuletzt eingestellten Arbeiter ihr Gehalt zuerst bekommen sollen.

Man kann sich nun Fragen, was Jesus eigentlich für ein Problem ansprechen wollte. Geht es darum, dass gesellschaftliche Verlierer wie die Tagelöhner sich anhören müssen, dass sie im Grunde undankbare Menschen sind? Ist das die Sicht Jesu auf die gesellschaftlichen Verhältnisse? Und halten diese Tagelöhner nun dafür her, dass wir Menschen schließlich alle unwürdige Sünder sind, die alle von Gottes Gnade leben, deren Problem aber darin besteht, dass wir anderen diese Gnade nicht gönnen, vielleicht weil wir uns diese Gnade mit besseren und mehr Werken verdienen wollen? Abgesehen davon, dass in diesem Gleichnis alle für ihre „Gnade“ gearbeitet hätten, so scheint mir hier etwas anderes vorzugehen. Die Arbeiter gönnen den anderen ihren Denar, sie möchten selber nur mehr bekommen – und das zurecht. Seien wir einmal ehrlich, in der Arbeitswelt empfinden wir es heute ebenfalls ungerecht, wenn mehr Leistung nicht finanziell gewürdigt wird.

Wenn der Gutsbesitzer diese Reihenfolge der Auszahlung wählt, dann möchte er offensichtlich die ersten Arbeiter auf eine gewisse Art vorführen. Er möchte ganz klar das Gefühl provozieren, dass ihre Arbeit geringgeschätzt wird. Das ist ja auch ihre Beschwerde: Wir haben den ganzen Tag schwer gearbeitet! Der Gutsbesitzer zeigt den Arbeitern sehr deutlich, dass er ihre harte Arbeit nicht wertschätzt, er demoralisiert und erniedrigt Menschen, die am unteren Ende der Gesellschaft stehen. Offenbar war Teil des ausbeuterischen Systems, dass Entwurzelte Menschen aus der Unterschicht systematisch erniedrigt wurden, damit das System ausrecht gehalten werden konnte und die Unterschicht nicht rebellierte.

Erniedrigung von Opfern der Unterdrückung findet man immer wieder. Der Arbeitslose wird als „faul“ abgestempelt, Missbrauchsopfern wird vorgeworfen, sich aufreizend angezogen zu haben – das Prinzip ist weit verbreitet.

Spannend ist auch, was der Gutsbesitzer als Antwort auf Delegierten der Tagelöhner gibt:

Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt? 14 Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. 15 Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin?‹ 16 So wird es kommen, dass die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten.«

Hat man sich wirklich geeinigt? Das klingt nach einem Vertrag auf Augenhöhe. Das war es aber sicher nicht, bei einem Überangebot an Tagelöhner, die bis Abends noch keine Stelle bekommen konnten. Da nimmt man was man kriegt.

Taglöhner waren in der Regel ehemalige Bauer, die sich verschuldet hatten. Sie wurden von der Oberschicht ausgebeutet und haben das verloren, was rechtmäßig ihnen gehörte. Der Gutsbesitzer redet davon, dass er mit seinem Eigentum machen könne, was er wollte. Aber wie ist er an seinen Besitz gekommen? Wie hört sich so ein Satz an für jemanden, der durch Tributzahlungen an eben solche Gutsbesitzer alles verloren hat?

Und schließlich wird der Spieß umgedreht: Auf einmal ist der Charakter des Tagelöhners das Problem. Der Unterdrückte wird beschuldigt und diskreditiert.

William R. Herzog II. geht davon aus, dass mit diesem Gleichnis die Vorgehensweise des unterdrückerischen Systems aufdecken und beim Namen nennen will. Darüber hinaus glaubt er, dass Jesus zeigt, dass Einzelne in der Konfrontation wenig erreichen können. Die Lehre wäre, dass Unterdrückung mit einer gemeinsamen Stimme der Konfrontation angegangen werden müsse.

– Jason

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