#Fachchinesisch #Entrückung

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Sie wacht eines Morgens auf, fasst neben sich und bemerkt, dass er bereits aufgestanden ist. Aus dem Bad hört man einen elektrischen Rasierapparat. Also steht sie auf, um zu ihm zu gehen. Aber der Rasierapparat liegt eingeschaltet im Waschbecken, auf dem Boden seine Klamotten. Wo ist er? Im Fernsehen wird das Ausmaß der nächtlichen Katastrophe geschildert: Millionen Menschen verschwanden vom einen auf den anderen Augenblick spurlos. Nur ihre Kleidung bleibt zurück. Terror und Chaos ungekannten Ausmaßes ereilen die Welt, denn mit den Gläubigen ist nun auch das Gute von der Welt verschwunden. Darüber hinaus wird es einen über die gesamte Welt herrschenden Diktator geben, den Antichristen. Die Apokalypse hat begonnen.

Das ist grob gesagt die Handlung der Left Behind Filme, eine Neuauflage mit Nicolas Cage soll noch dieses Jahr in die amerikanischen Kinos kommen. Und ja, Filme mit Nicolas Cage finde ich mittlerweile bereits vor dem Sehen blöd. Aber in diesem Fall hat das weniger mit der schauspielerischen Leistung zu tun, ich mag die Theologie hinter dem Film nicht. Beispielsweise ist es ein weit verbreitetes Phänomen, dass wenn Kinder einmal das Konzept der Entrückung verstanden haben, sie extrem Panik bekommen können, wenn man sich im Einkaufszentrum einmal verliert, oder wenn die Eltern unerwartet nicht zu Hause sind. Denn dann ist wohl die Entrückung geschehen und man gehört zu den Zurückgebliebenen, die von Gott verstoßen sind und nun ohne Hoffnung dem Verderben entgegen gehen.

Erwin McManus hat da noch deutlichere Worte gefunden, er vergleicht die Entrückungslehre mit einer Erkältung: „Du weißt nicht, wie du sie eingefangen hast, du hast sie einfach. (…) Es gibt nur ein Problem mit dieser Lehre – es ist nicht das, was die Bibel lehrt.“ Die Lehre der Entrückung war bis vor 200 Jahren eher exotisch, weite Verbreitung fand sie erst durch den Dispensationalismus des 19. Jahrhunderts und die Scofield-Studienbibel. 1800 Jahre glaubte die Kirche in der Regel etwas anderes.

Dabei geht es um viel mehr, als um kleinkarierte Bibelstreiterei oder die Panik von Kindern (was schon schlimm genug wäre). Es geht um eine grundsätzliche Haltung der Weltgeschichte gegenüber. Wenn diese Welt wirklich auf die ultimative Katastrophe zuläuft, weil es so beschlossene Sache ist, dann gilt es nur, die eigene Haut zu retten und vielleicht möglichst viele Menschen mitzunehmen. Dann ist aber Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung, für Gerechtigkeit oder gar Fortschritt vergebliche Liebesmüh. Warum sich für etwas Einsetzen, dessen Untergang vorprogrammiert ist? So kann christliche Theologie zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. In der Diskussion geht es vor allem um folgende Bibelstelle:

Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen. Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. So tröstet euch mit diesen Worten untereinander.- 1.Thess 4,13

Der Text beinhaltet die Idee der Wiederkunft Christi, die auch in allen alten Bekenntnissen enthalten ist. Man achte aber auf die Bewegungsrichtung, die beschrieben wird. Jesus soll „herabkommen vom Himmel“. Heavens coming down. Hier geht es eben nicht darum, dass Menschen in den Himmel gebeamt werden, sondern darum, dass der Himmel auf die Erde kommt – so wie es tausende Christen im „Vater unser“ beten: Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Paulus benutzt hier das Wort parusia. Das Wort wurde für die königliche Gegenwart eines Kaisers benutzt, wenn er beispielsweise eine Provinz besuchte. N.T. Wright schreibt dazu: „So wie der Kaiser eines Tages eine Kolonie wie Philippi oder Thessaloniki oder Korinth besuchen könnte (der normalerweise abwesende, aber herrschende Imperator, der nun persönlich erscheint und herrscht), so würde eines Tages der abwesende, aber herrschende Herr der Welt erscheinen und persönlich innerhalb dieser Welt herrschen, mit allen Konsequenzen, die das hätte.“ Hinter dem Begriff parusia steckt aber noch mehr. Kommt der römische Imperator wirklich zu einer Kolonie, dann würden die Bürger ihm entgegenkommen und ihm in einiger Entfernung vor dem Stadttor begegnen. Alles andere wäre unhöflich und respektlos, als wäre man zu bequem oder gelangweilt, wenn man den Imperator erst am Stadttor empfangen würde. Aber nach dieser Begegnung würde man natürlich wieder in die Stadt zurückkehren.

Die Idee, dass der Himmel auf die Erde kommen soll, hört sich angesichts aktueller Weltereignisse fast schon zynisch an. Daher kann ich verstehen, dass die Entrückungslehre attraktiv ist. Denn dann „müsste“ man sich hier nicht wirklich einmischen, sondern angesichts eines sicheren Escapeplans nur durchhalten. Ich sage „müsste“, weil ich weiß, dass viele Anhänger dieser Lehre sich dennoch in der Gesellschaft engagieren. Aber was hat es mit dem Himmel auf sich?

Demnächst: Himmel.

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