#Zeitgeist #Christen als Türöffner #Transgender

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Vor kurzem hörte ich ein Gespräch mit, in dem sich ein Christ lauthals darüber ausgelassen hat, dass man in Australien jetzt die Auswahl zwischen „männlich“, „weiblich“ und „unbestimmt“ habe. Offiziell gibt es in Australien also nicht nur zwei Geschlechter, sondern auch das sogenannte dritte Geschlecht. Das ist eben wieder typisch der Zeitgeist. Gottes Ordnung wird mit Füßen getreten, demnächst kann jeder wie er will. Das ganze Programm. Ich habe mich tierisch aber freundlich darüber aufgeregt (was diesen Christen sichtlich verwundert hat). Wie man da so intolerant sein könnte, schließlich gebe es Menschen mit einem Gendefekt, die dann mit zwei Geschlechtern auf die Welt kommen und nun einmal nicht klar ist, was sie denn seien. Warum müssten gerade die Christen da wieder den Zeigefinger heben, anstatt Verständnis zu zeigen? 

 

Mittlerweile sind Themen rund um die LSTTIQ-Community beinahe wöchentlich in den Medien. So mancher findet das alles ermüdend, besonders gilt das wohl für diejenigen, die für sich bereits eine Meinung gebildet haben, wie wir als Gesellschaft mit diesen Menschen umgehen sollen. Aber die Debatte ist im vollen Gange. So langsam ist auch in Deutschland die Diskussion bei den Freikirchen angekommen. Heute kennt man eben persönlich Menschen, die schwul, lesbisch oder transsexuell sind. Unsere Gesellschaft ist langsam soweit, dass diese Menschen sich nicht mehr verstecken müssen. Das mag man auf die viel besagte Homolobby oder auf den Zeitgeist schieben – dennoch spricht man auch in Freikirchen darüber.

 

In unserer Serie Zeitgeist gehen wir ja davon aus, dass Gottes Geist auch im Zeitgeist ein Wort mitzureden hat. Kann es sein, dass Gott uns als Kirche einen blinden Fleck aufzeigen will? Müssen wir diese Diskussionen führen, weil Gott uns zu sagen hat, dass ihm diese Menschen wichtig sind und sie deshalb und auch wichtig sein sollten? Müssen wir lernen, gerade auch für diese Menschen ein Zuhause sein zu können? Und: Kann es sein, dass die Kirche in diesen Fragen der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung hinterherhinkt?

 

Bereits in der Urgemeinde hat es diese Spannung gegeben. Was fangen wir mit Menschen an, die nicht ins Schema passen? Besonders bemerkenswert finde ich die Geschichte von Philipps und dem Eunuchen aus Kapitel 8. (aus Platzgründen hier nur ein Link)

 

Ein Eunuch ist ein Kastrierter, ihnen wurde die Hoden und oft auch das Geschlechtsteil entfernt. Eunuchen waren oft für besonders sensible Ministerposten gefragt, da sie für einen König nicht als biologische Rivalen in Frage kamen. Allerdings wurden viele auch kastriert, um die Pubertät aufzuhalten und so länger als Lustknaben dienen konnten. Spannend ist auch, was sich biologisch durch die Kastration verändert. Der Eunuch würde weiche Gesichtszüge bekommen und um die Hüften rundlicher werden. Außerdem würden sie eine hohe Stimme haben. Wobei es immer darauf ankommt, mit welchem Alter der Eingriff vorgenommen wurde. In manchen Riten zur Kastration, die auch im römischen Reich durchgeführt wurden, mussten die Jungen Frauenkleider tragen und den Eingriff selber vornehmen (das die fleischlichen Überreste dann in die Zuschauermenge geworfen werden mussten, unterschlage ich an dieser Stelle). Ein Eunuch wird eine Menge Demütigung erlebt haben, eigentlich ist das schwer vorstellbar. Wie wird solch ein entmannter Mann den Rest seines Lebens mit sich selber gelebt haben? In anderen jüdischen Schriften wird quasi sprichwörtlich darauf verwiesen, was das mit einem Menschen macht:

 

„Wer mit Gewalt das Recht durchsetzen will, gleicht einem Eunuchen, der darauf brennt, ein Mädchen zu verführen.“

“Was soll das beste Essen, wenn jemand zu krank ist, um den Mund aufzumachen? Ebenso gut könntest du es auf sein Grab stellen (…) Er sieht das schöne Essen und seufzt, wie ein Eunuch, der ein Mädchen umarmt.“

(aus dem Buch Sirach)

 

Ein Eunuch passte nicht in das gesellschaftliche Bild davon, was es heißt, ein Mann zu sein. Er war eine Art Transgender, einer aus dem queer Spektrum. Auch wenn ein Eunuch auf politischer Ebene hohes Ansehen genießen konnte, so würde er was seine sexuelle Identität angeht immer ein Exot sein und nie als normal gelten.

 

Das Ganze hatte auch eine religiöse Komponente, jedenfalls in dieser Geschichte. In Vers 27 heißt es, dass der Eunuch in Jerusalem war, um anzubeten. Jeder Leser aus der damaligen Kultur wird gewusst haben, dass dieser Eunuch eine Enttäuschung erlebt haben dürfte. Denn am Haupteingang des Tempels wird er ein Schild gesehen haben, auf dem steht, dass Eunuchen keinen Zutritt zum Tempel haben. Das leitete sich aus einem Bibelvers aus 5. Mose 23,2 ab:

Wenn die Gemeinde des Herrn sich zum Gottesdienst versammelt, darf keiner dabei sein, der kastriert oder dessen Zeugungsglied abgeschnitten worden ist. 

 

Der Eunuch befindet sich also wieder auf dem Heimweg. Doch scheint er eben nicht verbittert zu sein, vielmehr hat er das Beste aus der Situation gemacht. Vermutlich war er aus politischen Gründen in der Stadt, aber persönlich hat ihn eine spirituelle Suche angetrieben. Da er nun nicht in den Tempel konnte, hat er sich zumindest eine Schriftrolle der jüdischen Bibel gekauft (was damals sicher nicht billig gewesen sein dürfte). Als er darin liest wird er von den Worten getroffen. Er fragt sich, von wem sprechen diese Worte?

 

„Wie ein Lamm, wenn es zum Schlachten geführt wird, wie ein Schaf, wenn es geschoren wird, so duldete er alles schweigend, ohne zu klagen. Er wurde aufs tiefste erniedrigt; aber mitten in seiner Erniedrigung wurde das Urteil gegen ihn aufgehoben. Wer wird je seine Nachkommen zählen können? Denn von der Erde weg wurde sein Leben emporgehoben.“

 

Vorher heißt es, dass der Eunuch diesen Text nicht versteht, aber offensichtlich ist er von diesem Text auf irgendeine Weise angesprochen. Vielleicht hat er gemerkt, dass da jemand etwas ähnliches erlebt hat, wie er selber: Erniedrigung, dann ein Vorgang mit Abschneiden oder blutigem Durchschneiden und dann das Thema Nachkommen bekommen können. Natürlich geht es in Jesaja 53 um etwas anderes. Aber Phillipus wird im Gespräch mit dem Eunuchen gemerkt haben, dass dieser Äthiopier von Gott durch die Schrift angesprochen wurde. Und jetzt macht Phillipus etwas unerhörtes; er öffnet die christliche Gemeinschaft für einen Menschen aus dem Transgender Bereich – obwohl ihm seine Bibel etwas anderes sagte.

 

Vielleicht ist es wieder an der Zeit, dass Menschen zu Türöffnern werden. Die institutionelle Religion dieser Tage hatte Türsteher angestellt, die dafür sorgten, dass die unpassenden Menschen draußen gehalten würden. Aber Gott beruft uns zu Türöffnern. Das hat auch Papst Franziskus betont, wenn er sagt: Wer sind wir, dass wir Türen schließen, die der Heilige Geist öffnen will?

 

Nebenbei, einen Tag nach dem oben erwähnten Gespräch, kam besagter Christ erneut auf mich zu. Er entschuldigte sich für seine Worte vom Vortag. Er hätte noch einmal darüber nachgedacht, ein bisschen gelesen und würde die Vorgehensweise in Australien jetzt in einem anderen Licht sehen. Manchmal können auch Worte Türen aufschließen.

– Jason

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