Zeitgeist#  Wie wird man ein #Idiot?

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Neulich waren wir zu Gast bei Freunden. Er ist Psychologe und wir kamen ins Gespräch:

 

>> In den letzten Jahren stelle ich fest, dass immer mehr Menschen mit Burnout zu uns in die Praxis kommen.<<

 

>> Oh, über Burnout habe ich mal etwas in einer Fortbildung gelernt. Das trifft doch in der Regel Menschen, die sehr idealistisch sind. Die wollen die Welt retten und stellen dann enttäuscht fest, dass sie das nicht hinkriegen. Von daher sage ich mir, einfach die Erwartungen etwas runterschrauben und dann passt das schon. Oder?<<

 

>> Naja, eher nicht. Das würde dann ja heißen, dass die Menschen heute idealistischer wären, als früher. Aber eigentlich liegt das Problem in den Arbeitsbelastungen. Da kommen Versicherungskaufmänner zu mir in die Praxis. Deren Chefs sagen, dass sie gute Arbeit gemacht hätten und deswegen im nächsten Jahr einfach doppelt soviel Umsatz erwirtschaften sollen. Diese Belastung macht eben krank. Wenn du das nicht packst, dann verlierst du deinen Job und ein anderer macht es. Und da kann ich dann auch nichts sagen, so ist das eben. <<

 

Das erinnert mich an die biblische Exodus Geschichte. Das jüdische Volk lebte in ägyptischer Sklavenherrschaft. Sie mussten Ziegel herstellen. Wie hätte ein Jude seinen Kindern dieses System erklärt? Er muss eben Ziegel herstellen, weil er sonst Schläge von seinem Vorarbeiter kriegt. Und der muss das machen, weil sein Aufseher sonst ihm die Hölle heiß macht. Er wiederum hat einen Minister im Nacken. Das ganze ist ein System, das größer ist, als der Einzelne. Da kommt man nicht so einfach heraus.

 

Die Geschichte handelt davon, dass Gott dieses Volk aus der Sklaverei befreit. Aber vorher passiert etwas Zentrales. In der Begebenheit mit dem Dornbusch stellt sich Gott dem Befreier Mose neu vor. In Ägypten hatte Religion die Funktion inne gehabt, dem ausbeuterischen System eine Erzählung zur Begründung zu liefern. Soziale Ungerechtigkeit wurde durch Religion zementiert. Gott hat dich dazu berufen, Ziegel zu streichen. Im schlechtesten Fall macht Religion leider genau das, sie zieht die Gott-will-es-so-also-halt-die-klappe-und-akzeptier-es-Karte. Deswegen muss sich Gott zunächst vorstellen und bestimmte andere Gottesvorstellungen beseitigen.

 

(Muss er das vielleicht auch bei uns tun? An der einen oder anderen Stelle kommt es mir so vor, als würden wir auch heute noch bestimmten Systemen dienen. Aber vielleicht merken wir das nicht so, weil diese Systeme christlich legitimiert sein können. Schon mal einen Christen getroffen, der dem Herrn so treu und mit hingebungsvoller Opferbereitschaft dient, dass seine Familie ihn nicht mehr zu Gesicht bekommt?)

 

Nach der Befreiung muss dieses Volk nun lernen, wie sie die neu gewonnene Freiheit behalten kann. Sie müssen neu Leben lernen. Das ist die Idee hinter den zehn Geboten, besonders auch beim Sabbatgebot.

 

Sabbat ist eine Unterbrechung. Sabbat hält das Hamsterrad auf. Du musst nicht so leben wie jetzt. Das ist die hoffnungsvolle Botschaft, darum geht es. Aber wie soll das gehen?

 

Ich kenne keine einfachen Antworten auf die Frage. Eigentlich kenne ich gar keine Antwort. Ich möchte lediglich ein paar Gedankenfetzen teilen, ein paar lose Ideen zum Weiterdenken, die vielleicht in eine Richtung zeigen.

 

Es gibt eine bestimmte Menschengruppe, die in meinem Leben unglaublich wichtig sind, damit ich hier und da aus dem Hamsterrad komme.

 

Nämlich die Idioten.

Es gibt die Moralisten. Das sind die Leute, die sich an alle gesellschaftlichen Regeln und Abläufe halten. Sie kommen zu Besuch und ziehen die Schuhe aus. Sie halten sich an die Mittagsruhe, haben eine Umweltplakette und melden sich nie krank. Er kennt die Erwartungen, die an ihn gestellt werden und reißt sich den Arsch auf, um ihnen gerecht zu werden. 

 

Nicht so die Idioten. Die halten sich nicht an diese Konventionen. Entweder kennen sie diese gar nicht, oder sie pfeifen drauf und machen es einfach mal anders. Wie z.B. der Heiko. Der macht gerade ein Experiment, in dem er sich auf die Suche nach dem Genug macht (nachzulesen auf seinem Blog). Ein anderer Freund lebt seit Jahren improvisatorisch aus zwei großen Reisetaschen, in denen sich sein ganzer Besitz befindet. Dann kenne ich jemanden, der seinen Job gekündigt hat, um Wohnzimmerkonzerte zu organisieren. Das sind solche Idioten (aber sagt nicht weiter, dass ich so über die denke).

Einer meiner Lieblings Idioten ist außerdem Sherlock Holmes. Und zwar der aus der englischen Serie. Der US-Kinofilm war auch toll, aber der Engländer ist fast noch besser. Der Typ sieht nicht so besonders gut aus und ist total unsympathisch. Aber trotzdem hat die Serie eingeschlagen wie sonst etwas. Man könnte sich ja fragen, warum so ein Genie wie Sherlock einen Watson braucht. Die Sache ist die, dass Gangster in der Regel immer einen Schritt voraus sind. Sie rechnen schon damit, dass die Polizei nach Protokoll vorgeht. Wenn eine Gruppe Terroristen ein Hochhaus überfallen, dann schalten sie direkt den Strom ab. Steht im Protokoll. Aber genau das wollen die Gangster und nutzen den Stromausfall für einen Bankraub. Bei Watson ist das ähnlich. Wenn beide zu einem Tatort kommen, fragt Sherlock Watson, was er sieht. Leiche, Pistole, Abschiedsbrief – Selbstmord. Watson denkt wie ein Moralist. Er sieht, was die Gangster ihn sehen lassen wollen. Und so weiß Sherlock, was die Falsche Fährte der Gangster ist und kommt auf den wirklichen Hergang. Sherlock ist ein Idiot. 

 

Ich brauche Idioten in meinem Leben. Denn sie zeigen mir, dass ich nicht so leben muss. Letztlich zeigen sie mir, dass ich der Idiot bin, wenn ich mich Strukturen, Erwartungen und Zwängen anpasse, die Leben ersticken.

– Jason

 

Ach ja, die Idee von den Idioten stammt übrigens vom Pete Rollins.

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