#Zeitgeist #Heiliger Geist #Weltende

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In letzter Zeit habe ich immer wieder die Diskussion aufgeschnappt, wie denn nun das Verhältnis von Gottes Geist und dem Zeitgeist ist. Da wird z.B. behauptet, der Zeitgeist ist der Bibel immer hinterher. An anderer Stelle scheint es mir, als würde der Zeitgeist mit Gottes Geist fast schon gleichgesetzt. Die Frage mag theoretisch klingen, hat aber eine große Auswirkung darauf, wie wir als Nachfolger Jesu in dieser Welt leben. 

 

Müssen wir uns vom Zeitgeist fern halten? 

 

Oder sollten wir die ersten sein, die gesellschaftliche Entwicklungen umarmen?

 

Woran können wir erkennen, wes Geistes bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen sind?

 

Und wohin führt denn der Zeitgeist überhaupt?

 

Vielleicht liegt ein Problem zunächst darin, dass es nicht den einen Zeitgeist gibt. Eine Menge von Stimmen, Kräfte und Einflüsse versuchen Gesellschaften zu prägen. Manche Strömungen sind durchsetzungsfähiger als andere, manche eher sind vielleicht kurzlebig. Dann gibt es sehr laute Stimmen und eher unscheinbare. Wobei die Lautstärke noch nichts darüber aussagt, wie stark prägend und anhaltend verändernd ein Phänomen wird. 

 

Nicht alle gesellschaftlichen Entwicklungen sind per so vom christlichen Standpunkt aus zu verurteilen (ich denke an die Abschaffung der Sklaverei oder an medizinische Fortschritte). Aber genauso wenig sind alle Auswüchse des Zeitgeistes gut. Man kann also den Heiligen Geist Gottes nicht mit dem Zeitgeist gleichsetzen. Aber man kann beides auch nicht als Gegensätze verstehen. Wir müssen genauer hinsehen. Der Schreiber der Johannesbriefe hat hierzu gute Gedanken gehabt: 

 

Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn es sind viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen. Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist aus Gott;  und jeder Geist, der nicht bekennt, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist nicht aus Gott. Und das ist der [Geist] des Antichristen, von dem ihr gehört habt, daß er kommt; und jetzt schon ist er in der Welt. Kinder, ihr seid aus Gott und habt jene überwunden, weil der, welcher in euch ist, größer ist als der, welcher in der Welt ist. Sie sind aus der Welt; darum reden sie von der Welt, und die Welt hört auf sie. Wir sind aus Gott. Wer Gott erkennt, hört auf uns; wer nicht aus Gott ist, hört nicht auf uns. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums. 

– 1.Joh 4

 

Johannes hat in einer konkreten Situation eine Antwort gesucht. Ihm ging es um eine philosophische Strömung seiner Zeit, die Gnosis. Daher ist sein Kriterium, die Geister zu beurteilen, zunächst sehr speziell. Doch am Ende des Absatzes bringt er sein Argument auf eine allgemeinere Ebene. Wie lässt sich erkennen, ob eine Fassette des Zeitgeistes vielleicht Gottes Geist inne hat? Man erkennt Gottes Geist daran, dass er das Wesen Gottes reflektiert, so wie Jesus uns Gott und sein Herz vorgestellt hat. Wenn man so will, dass ist Jesus unsere Kulturhermeneutik. Paulus sagte einmal, dass es einer besonderen Begabung bedarf, die Geister zu unterscheiden (1.Kor 12,10). Dies führt dazu, dass wir als christliche Gemeinschaft erkennen können, wo wir uns verbünden, solidarisieren und gesellschaftlich engagieren müssen. Hört sich leicht an, ist aber dann doch nicht so leicht. Was aber an diesem Gedanken neu für mich ist, könnte man mit dem Wort unberechenbare Überraschung ausdrücken. Gott wird an Orten schaffend zu finden sein, wo ich ihn nicht erwarte und wo er nicht durch christliche Vokabeln und Etiketten erkennbar wird. 

 

Spannend ist nun die Frage, worauf dieses Verbünden hinausläuft. Wenn Gottes Geist dabei ist, ähnlich wie auf der ersten Seite der Bibel aus Chaos etwas schönes zu schaffen, was wird dann das Endergebnis dieser Neuschöpfung sein? Und wie wird die Entwicklung bis zu diesem Endergebnis aussehen?

 

Dafür gibt es verschiedene Textpassagen im neuen Testament, beispielsweise heißt es in Epheser 1: 

 

Er [Gott] hat uns seinen Plan wissen lassen, der bis dahin ein Geheimnis gewesen war und den er – so hatte er es sich vorgenommen, und so hatte er beschlossen – durch Christus verwirklichen wollte, sobald die Zeit dafür gekommen war: Unter ihm, Christus, dem Oberhaupt des ganzen Universums, soll alles vereint werden – das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist. 

 

An einer anderen Stelle sagt Paulus, dass alles darauf hinauslaufe, dass Gott alles in allem sei (1 Kor 15,28). Andere wichtige Begriffe in dieser Richtung wären, Reich Gottes, ewiges Leben, Auferstehung, Erlösung der Schöpfung, und auch Weltgericht. Das sind jeweils große sprachliche Gebilde, man kann sich über die genaue Bedeutung lange auslassen. 

 

Vielfach ist nun im Laufe der Kirchengeschichte darüber nachgedacht worden, wie die Geschichte auf dieses Ziel hinsteuern würde. Im Zeitalter der späten Industrialisierung hat man kurz vor den Weltkriegen einen deutlich ausgeprägten Optimismus gepflegt. Man glaubte an den unbegrenzten gesellschaftlichen Fortschritt, durch den Gott wirke und der dann schließlich im Reich Gottes münden würde. Jesus würde quasi wiederkommen, wenn die kulturelle Entwicklung bereits zu einer optimalen Gesellschaft geführt hat. Die Hoffnung auf eine nahe bevorstehende, erfolgreiche, weltweite Christianisierung kann sich in solch eine Denkart mischen. Dieser Optimismus zerschlägt sich natürlich mit den beiden Weltkriegen. Folglich gibt es auch den gegenteiligen Entwurf. Man spricht dann vom Werteverfall und von Endzeit. In dieser Vorstellung wird die gesellschaftliche Entwicklung immer stärker negativ verlaufen. Auch innerhalb der Kirche werden demnach Zerfallserscheinungen zunehmend deutlich (Dem kann man auch nur entschleunigend entgegenwirken, indem man neue Entwicklungen potentiell als Zeichen des Niedergangs begegnet). Am Ende der Negativentwicklung würde dann die Wiederkunft Christi stehen, der am Tiefpunkt der Geschichte die neue Ära einleitet. 

 

Aus meiner Sicht sind beide Zukunftsversionen unvollständig. Denn sie sind liniear. Die Weltgeschichte entwickelt sich nicht einheitlich oder im Gleichschritt. Vielmehr können in ein und der selben Region völlig unterschiedliche Entwicklungen nebeneinander stattfinden. Es ist einfach nicht absehbar oder auch nur übersehbar, wohin genau die Weltgeschichte sich entwickeln wird. So manches kann man als Verbesserung ausmachen, so manche Entwicklung scheint diese Welt grundlegend zu verbessern. Vieles gibt Anlass zur Hoffnung. Aber dann gibt es große Bedrohungen und Krisen, die für uns Menschen eine Nummer zu groß scheinen sollen. Angesichts der großen Probleme unserer Zeit kann man eigentlich nur ein Gefühl der Ohnmacht empfinden. 

 

Und dennoch sind wir als Christen dazu berufen, dass wir uns mit den Lebensfördernden Kräften verbünden sollen, da wir in ihnen bereits eine Vorahnung auf das kommende Reich Gottes sehen und glauben, dass der Geist Gottes hier bereits dabei ist, diese Welt wiederherzustellen und neu zu machen. 

 

Ich denke, dass wir viel mehr nicht wissen. Wird alles besser oder schlechter? Wird diese Welt im super GAU enden, bevor Gottes neue Welt entsteht? Wird Gottes Geist diese Welt stetig verbessern?

 

Letztlich ist nur sicher, dass Gott heute bereits am Werk ist und wir sowohl eingeladen sind, mitzumachen, als auch andere einladen sollen, dabei zu sein. Und das in der Hoffnung, dass Gottes neue Welt einmal alles sein wird. Wir dürfen die vielen kleinen Anzeichen als Fenster in Gottes Zukunft verstehen und hoffnungsvoll sein. Gott kommt und aus seiner Zukunft entgegen, und wir machen uns auf, hin zu dieser Zukunft. Über das genaue „wie“ müssen wir nicht im Bilde sein.

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