Was wir mit der Bibel anfangen können #subversiv 2

Omri Boehm hat im November letzten Jahres einen Artikel in der ZEIT veröffentlicht, den er „Theologie des Ungehorsams“ genannt hat. Darin beschreibt er eine subversive Lesart der Geschichte, in der Abraham seinen Sohn Isaak opfert (Gen.22).

 

Traditionell wird diese Geschichte „Akedat Yitzhak“ genannt, die Bindung Isaaks. Es war ja eigentlich keine Opferung, denn dazu kam es nicht. Für viele Interpreten ist diese Geschichte ein Aufruf zum blinden religiösen Gehorsam. Das Gottesgebot übertrumpft das ethische Gebot. 

 

Boehm zitiert hier einen Rabbiner Salome Riskin, der im Westjordanland lebt: „Das Paradox der jüdischen Geschichte ist, dass wir nie als ein von Gott inspiriertes und Gott ergebenes Volk überlebt hätten, wenn wir nicht bereit gewesen wären, Gott unsere Kinder zu opfern“

 

Hier wird „Gottes Wille“ mit dem des jüdischen Staat ersetzt, so Boehm. Die Armee kann sich auf religiös motivierte Opferbereitschaft stützen. Widerstand gegen unmoralische Ansprüche wird so im Keim erstickt. 

 

Aber Boehm zeigt, dass diese Theologie auch aus jüdischer Sicht eine Verzerrung ist. Denn zu Anfang der biblischen Geschichte ist es Gott (Elohim), der das Gebot ausspricht, Isaak zu opfern. Später in der Geschichte wird dieses Gebot jedoch zurückgenommen. Aber nicht von Gott, sondern von einem Engel (der allerdings angibt, im Namen Jahwes zu sprechen). 

 

Was hat Abraham nun dazu bewegt, der Stimme eines Engels mehr Glauben zu schenken, als der Stimme Gottes?

 

Bereits der jüdische Gelehrte Maimonides (1135-1204) hat sich dazu Gedanken gemacht. Für ihn liegt der Schlüssel des Verständnisses in den Gottesnamen, die im Text benutzt werden. 

 

Während Jaweh der Eigenname Gottes ist, sei „Elohim“ ein mehrdeutiger Begriff, der auch auf staatliche Herrscher oder Richter bezogen sein konnte. Erst spät sei hiermit auch ein Gottesname gemeint gewesen. Die zentrale Bedeutung des Begriffs sei aber eine rechtmäßige Herrscherinstanz.

 

Nach Maimonides ist die Geschichte der Bindung Abrahams daher eine metaphorische Warnung. Wir Menschen sind immer versucht, geltendes Recht und politisch-ethische Normen so zu behandeln, als seien sie absolute Gebote. 

 

Das Kinderopfer galt zur Zeit Abrahams als ethisch-politische Norm. Die Elohims der damaligen Kultur verlangten Kinderopfer. Aber die eigentliche Stoßkraft der Geschichte ist die Forderung,  Jahwes Aufhebung der Gebote „Elohims“ zu folgen. 

 

Boehm schließt de Artikel mit folgenden Worten: 

 

„Das ist also die wahre politische Theologie von Akedat Yitzhak, der Bindung Isaaks, die die Bürger des jüdischen Staates wohl in Betracht ziehen müssen: Den jüdischen Propheten statt dem heidnischen Ritual des Kindskopfes zu folgen heißt, moralischen Ungehorsam gegenüber dem staatlichen Gebot zu leisten.“ 

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