Weihnachten nach Matthäus: ein Ende mit Schrecken I

ÇØÝÇá ÝáÓØíäDem Kirchenjahr zufolge hat es mit Weihnachten bald ein Ende. In knapper Prosa vollzieht sich dieses im Evangelium nach Matthäus auf bestürzende Weise. Manchen Fragen, die hierdurch aufgeworfen werden, will ich in dieser Miniserie nachgehen.

Am 6. Januar, dem Tag der Erscheinung des Herrn (Epiphanie), wird in den Westkirchen insofern noch einmal auf Jesu Geburt zurückverwiesen, als die Weisen aus dem Morgenland und ihr Suchen und Finden des neugeborenen Königs im Mittelpunkt stehen.
Diese Episode eröffnet das zweite Kapitel des Matthäus-Evangeliums und geht unvermittelt über in eine lebensbedrohliche Situation für den Säugling. Die Freudenzeit findet ein jähes Ende. Weihnachten ist keineswegs eine sentimentale Angelegenheit. Das Fest findet heute wie damals inmitten einer von Willkür und Paranoia geprägten Welt statt.

Als die Sterndeuter zunächst in Jerusalem einkehren, um sich nach dem „neugeborenen König der Juden“ zu erkundigen, wird die zerstörerische Angst des aktuellen Machthabers König Herodes bereits spürbar. Zwar kommt er nicht mit nach Betlehem. Seine Panik aber bleibt beständig im Hintergrund des Geschehens, und auch physisch hält er sich nur ein paar Kilometer weiter nördlich auf.

Bald nimmt das Unheil seinen Lauf:

Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte. Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin.
(Matthäus 2, 13-18)

Unter Historikern wird angezweifelt, ob dieser grausige Kindermord stattgefunden hat. Kein anderes Dokument aus der Zeit nimmt Bezug auf ein solches Ereignis, und es wird für möglich gehalten, dass der Evangelist nicht auf Faktentreue aus war, sondern sich vielmehr eines literarischen Mittels bediente, um eine theologische Aussage zu machen. Parallelen zum Buch Exodus im Alten Testament sind schnell ausgemacht. Dort lässt ein anderer Regent – ein namenloser Pharao – die erstgeborenen hebräischen Jungen in Ägypten töten. Matthäus verdeutlicht, dass Jesus ein neuer Mose ist, der sein Volk aus der Gefangenschaft befreit (und dass Herodes eine neue Verkörperung des alten Geistes der Tyrannei ist – Geschichte wiederholt sich).

Die Wahrheit läge also in dem, was über Gottes Beziehung zu den Menschen gesagt wird: Sein Nein gilt den paranoiden über Leichen gehenden Mächten und Machthabern, sein Ja den von ihnen Unterdrückten und Misshandelten.

Es ist allerdings auch durchaus denkbar, dass das Massaker passiert ist, da es in Anbetracht seines – in herodischen Dimensionen gedacht – geringen Ausmaßes aus Sicht der Geschichtsschreiber nicht weiter erwähnenswert gewesen sein könnte. Schätzungen beschränken die Zahl der Opfer auf etwa zwanzig in der Stadt selbst.

Über Herodes den Großen ist u.a. bekannt, dass er zahlreiche Verwandte, darunter drei seiner Söhne, exekutieren ließ aus Angst, sie könnten sich gegen ihn wenden, dass er überall in seinem  Herrschaftsgebiet Festungen errichten ließ, in denen er schnell Zuflucht finden könnte, und dass er vorsorglich die Hinrichtung aller politischer Gefangenen anordnete, sobald er gestorben sei, damit im  ganzen Land Wehklagen zu hören sein würde. Ein Infantizid-Befehl zur Absicherung seiner Regentschaft wäre also keine Abweichung vom Porträt, das Historiker von ihm zeichnen. Angesichts der  detaillierten Dokumentierung seiner Grausamkeit erscheint Matthäus‘ Darstellung in keinem Fall abwegig und offenbart treffend Eigenarten jenes Mannes, der den Titel „König der Juden“ für sich selbst beanspruchte und ihn vom römischen Imperium auch hatte absegnen lassen. Und der dafür bekannt war, mögliche Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Es geht Matthäus allerdings nicht primär um die einzigartige Skrupellosigkeit und  Brutalität eines Herodes.
Für die ersten Hörer seiner Erzählung müssen viele vertraute Echos vernehmbar gewesen sein.
Auffällig ist beispielsweise, dass in den ersten zwei Kapiteln fünf Träume entscheidenden Einfluss auf den Handlungsverlauf haben. Josef allein hat vier von ihnen, wodurch er an einen früheren Josef aus dem Buch Genesis (1. Mose) erinnert, der sicherlich als der archetypische prophetische Träumer der hebräischen Bibel gelten kann und der einst ebenfalls als unschuldiges Opfer im ägyptischen Exil landete.

Die Welt, die hier geschildert wird, ist eine, in der Menschen ohne eigenes Verschulden gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Gott als Mensch war kurz nach seiner Geburt schon politischer Flüchtling. (Zum Glück  können wir die Bibel getrost als Sammlung skurriler Geschichten lesen, die nichts mit unserer Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert zu tun haben, nicht wahr?)

Die erste Generation jüdischer Leser und Zuhörer dachte außerdem womöglich an Überlieferungen, wie sie sich in den Makkabäerbüchern finden, und denen zufolge Antiochus IV. im Zuge seines groß angelegten Hellenisierungsprojekts für die Hinrichtung ganzer jüdischer Familien sorgte, die an der religiösen Praxis der Beschneidung ihrer neugeborenen Jungen festhielten. Das Bild von Müttern, denen ihre toten Söhne um den Hals gehängt wurden, hatte einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis des Volkes.  Und so erscheint es passend, dass der Text in den Versen 17 und 18 schließlich an Jeremia 31:15 erinnert: „Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin.“

Mehr zu Rahel wird es im nächsten Blogeintrag dieser Serie geben.
Bis dahin möchte ich versuchen, ihr „lautes Weinen und Klagen“ nicht zu verdrängen und mich vorschnellem und billigem Trost zu verweigern.
Ich wünschte, es wäre anders, aber Weihnachten hat die Welt nicht zum Paradies gemacht.
Also bitte: Hören wir auf so zu tun, als ob alles gut sei, weil wir Jesus “haben”. Der Text gestattet uns das nicht.

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3 thoughts on “Weihnachten nach Matthäus: ein Ende mit Schrecken I

  1. Außerdem gibt es in dieser Erzählung auch deutliche Parallelen zu Abraham, von dem die mündliche Tradition des Judentums (Midrasch), weiß, daß es zu seiner Geburt eine besondere Sternkonstellation gab, daß die Weisen am Hof des Königs dies erkannten und dieser König Abraham nach dem Leben trachtete.

  2. Danke für die erhellende Auskunft!
    Was die Midrasch-Tradition angeht, habe ich leider von Tuten und Blasen nur wenig Ahnung, aber ich bin häufig fasziniert, wenn ich ihr begegne. Im nächsten Post wird es ein wenig um rabbinische Auslegungen zur Figur Rahels gehen. Für Richtigstellung, Präzierung, Ergänzung bin ich immer dankbar.
    Ich bin auf einige Intertexte gar nicht eingegangen, Hosea habe ich z.B. komplett ausgeblendet. Da gibt es noch einige Schätze bei Matthäus. Die Abraham-Verbindung ist mir neu. Was wären wohl die Implikationen? Wird eine neue Stammväterschaft evoziert? Oder wird Abrahams Gottvertrauen mit Jesu Treue verglichen?

  3. Zu der Kontroverse um die Historizität des Kindermords zu Betlehem habe ich einen Gedanken aufgeschnappt. Es ist nicht ganz fair, aber nachdenkenswert. Manche haben ja die Historizität des Kindermordens bestritten. Dagegen wurde einmal gesagt, dass es schon immer Menschen gab, die solche furchtbaren Taten verleugnen. Ob Holocaust, der Völkermord an den Armeniern, usw. Immer gibt es Menschen, die behaupten, dass so etwas niemals gegeben hat. Der Bibeltext der Weihnachtsgeschichte ist daher auch eine Art Mahnmal für die verschiedensten Gräueltaten bzw. für die Opfer, die einfach wegerklärt werden.

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