Advent III: “Immanuel” kommt nicht von “immun”

file4951291239077Und wieder die Gretchenfrage der Saison: Worauf warten wir noch?

Eine mögliche Antwort: Wir warten darauf, möglicher Weise Altbekanntes mit neuen Ohren zu hören.

Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ (Lukas 2,11-12)

Ich erinnere mich noch daran, wie ich das erste Mal einem anderen Menschen ein Lied vorspielte und -sang, das ich selbst geschrieben hatte. Selten hatte ich mich derart verletzlich gefühlt. Und doch war der Augenblick vielleicht genau deswegen einer der kostbarsten, die ich erleben durfte.

In letzter Zeit denke ich viel darüber nach, wie anfällig und verwundbar wir alle sind. Das ist kein angenehmer Gedanke. Darum vermeide ich ihn in aller Regel und versuche zudem, Herr zu sein über alles, was ich kontrollieren kann. Wahrscheinlich ist dies ein normaler Impuls.

Der Haken: Damit so viel wie möglich in meinem Leben kontrollierbar bleibt, muss ich es klein und überschaubar halten. Jede neue über das Oberflächliche hinaus gehende Beziehung etwa ist ein potentielles Minenfeld.

Und doch ist es die Bereitschaft, das Risiko neuer Wunden einzugehen, die das Leben erst lebenswert macht. Ich glaube, diese Erkenntnis gehört zum Reservoir menschlicher Intuitionen.

Wünscht sich nicht jeder, mutig zu sein? Findet nicht jeder Courage bewunderns-, ja erstrebenswert?

Denk einmal darüber nach, wann du zuletzt mutig gewesen bist oder Mut beobachtet hast. Jede Wette, dass Verletzlichkeit in dieser Geschichte eine Hauptrolle spielt. Menschen wären zu mutigem Handeln nicht in der Lage, wenn sie physisch und seelisch lückenlos gepanzert wären. Mut bedeutet immer, sich angreifbar zu machen.

Ich habe darüber hinaus den Verdacht, dass Kreativität ohne Mut – und somit ohne Verletzlichkeit – nicht möglich wäre. Zumindest für Erwachsene, die das unbedarfte Schaffen verlernt haben. (Über kindlichen Mut könnte man auch einmal nachdenken…) Wenn meine Ahnung mich nicht täuscht, sind wir dazu angelegt, Neues hervorzubringen, indem wir uns die Blöße geben. Und ich nehme an, dass derjenige, der uns geschaffen hat, mutig ist –  was er uns am deutlichsten zeigte, als das göttliche Wort vor zweitausend Jahren Fleisch wurde. Und auch heute warten wir darauf, dass das, was unser Schöpfer zu sagen hat, greifbar wird – so verletzlich und erstaunlich, so unspektakulär und spektakulär wie ein Baby, das überhaupt nicht die Möglichkeit hat, sich gegen die Außenwelt abzuschotten.

Und darum lautet mein Gebet zur Zeit: Komm, Herr Jesus!

Für mich ist das keine Bitte um Immunisierung gegen alles Unheil, sondern der Versuch einer Neubesinnung auf höchst menschliche und zutiefst göttliche Attribute:

Kreativität.
Mut.
Verletzlichkeit.

Ist ein verwundbarer Gott es wert, angebetet zu werden?
Zu Advent bereiten wir uns darauf vor, genau das zu tun.
Komm, Herr Jesus!

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s