beten – Teil 2

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Bei einem Einstellungsgespräch an einer christlichen Einrichtung ereignete sich einmal folgender Dialog:

 

„Dann erzählen sie doch kurz einmal, wann sie sich bekehrt haben“

„Oh…Da wüsste ich jetzt gar keine Antwort drauf zu geben.“

„Aber sie müssen doch irgendwann einmal im Gebet Jesus in ihr Leben aufgenommen haben?“

„Ich bete immer wieder und bin im Gespräch mit Gott. Was möchten sie jetzt genau wissen?“

„Ja, wie sie Christ geworden sind, wann sind sie denn jetzt wiedergeboren worden?“

(Pause) 

„Ich kann diese Frage wirklich nicht beantworten. Es ist im Grunde wie mit meinem Freund. Er sollte zu seiner Hochzeit eine Geburtsurkunde vorweisen. Die gibt es aber leider nicht mehr, da er in einer Kriegsregion geboren wurde. Aber wozu benötigt man einen Nachweis der Geburt, wenn doch offensichtlich ist, dass die Person lebt?“

 

Gerade in der evangelikalen Welt ist es weit verbreitet, dass die Bekehrung stark betont wird. Menschen müssen „sich bekehren“, um Christen zu werden. Es geht um das Ereignis des „Christwerdens“. Andere Begriffe sind „gerettet werden“, „sich für Jesus entscheiden“, „Gottes Angebot bzw. das Evangelium annehmen“ oder „zum Glauben kommen“.

 

Wie funktioniert das in der Praxis?

 

Häufig wird entweder im persönlichen Gespräch oder nach besonderen Gottesdiensten dazu aufgefordert, ein Gebet zu sprechen – ein Übergabegebet. Inhaltlich variieren diese Gebete immer etwas, aber folgendes Gebet von Billy Graham ist sicher repräsentativ:

 

Lieber Herr Jesus, 

ich weiß, dass ich ein Sünder bin und bitte um deine Vergebung. Ich glaube, dass du für meine Sünden gestorben bist und vom Tod auferstanden bist. Ich wende mich von meinen Sünden ab und lade dich in mein Herz und Leben ein. Ich möchte dir als Herrn und Retter vertrauen und dir folgen. In deinem Namen. Amen.

 

Die Idee ist simpel.

 

Du betest diese Worte und du bist drin – du kommst in den Himmel. Du weigerst dich – das war es. Diese Worte können dich vor der Hölle retten. Sie sind irgendwie magisch. Sie sind die Eintrittskarte in die Ewigkeit.

 

Der Haken ist, dass du die Sache ernst meinen muss (was auch immer das heißt, aber wir kommen später dazu). Denn sonst funktioniert es nicht…

 

Manche haben dieses Gebet gesprochen und es hat funktioniert. In ihrem Leben ist fortan Gottes Handschrift klar zu erkennen. (Ich bin dankbar für jeden, der das von sich sagen kann!)

 

Dann gibt es andere, die beten dieses Gebet und es tut sich nichts. Weil das ganze aber doch etwas bewirken MUSS, so beten sie es beim nächsten Gottesdienst erneut. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Und zur Sicherheit – wieder.

 

Faszinierend, nicht?

 

Ein weiterer Aspekt.

 

Wenn du ein wirklich guter Christ sein willst, dann solltest du schon den einen oder die andere „zu Jesus geführt haben“ – sie also dazu bewegt haben, dieses Gebet zu beten. In manchen Kreisen genießt du hohes Ansehen, wenn du eine gute Quote vorweisen kannst. Und manchmal scheint es, als hört man dir als Sprecher auf Konferenzen erst dann wirklich zu, wenn durch deinen Dienst hunderte oder tausende „zu Jesus gekommen sind“ (ich muss den Fachjargon nicht mehr erklären…).

 

Mich erstaunt es daher nicht, dass zu seltsamen Mitteln gegriffen wird, um die Bekehrungsstatistik aufzupeppeln. Da wird beispielsweise gesagt, dass jeder, der sich zum ersten Mal oder wieder neu für Jesus entscheiden will, die Hand heben soll… (Und damit sich auch die Schüchternen trauen, sind vorher einige andere angewiesen, auf jeden Fall die Hände zu heben). Erneute Bekehrungen zählen dann eben mit. Manchmal sollen die Zuhörer die Augen schließen. Der Pastor zählt dann laut vor, wie viele sich melden (auch wenn sich keiner meldet).

 

Es gibt auch fiese Mittel: Denk an deine Eltern, wie traurig sie sein werden, wenn du nicht mit ihnen im Himmel sein wirst. Willst du das?

 

Wie ernstzunehmen ist eine solche Entscheidung für Jesus?

 

Um es auf den Punkt zu bringen, so etwas ist falsch. Durch trickreiche Manipulation breitet sich Gottes Reich nicht aus. Soetwas schadet der Sache Jesu. Gegen alle Formen von spiritueller Manipulation müssen wir protestieren.

 

Klar, längst nicht jeder Gottesdienst mit Übergabegebet ist manipulativ und gibt es auch jede Menge Christen, deren Übergabegebet der Anfang einer guten Entwicklung war. Wenn du da bist – super! Willkommen in der Familie!

 

Deswegen darf man Manipulation in diesem Bereich aber sicher nicht verschweigen, kleinreden oder gutheißen.

 

Außerdem schadet es nicht, christliche Traditionen genauer abzuklopfen und das Eigentliche freizusetzen.

 

Durch ein bloßes Übergabegebet ändert sich nämlich gar nichts (Häh?). Diese Worte sind kein Zauberspruch, in ihnen steckt kein Hokuspokus. Sie legen keinen metaphysischen Schalter um. Und dein Name wird dadurch auch nicht in ein überdimensionales Buch im Himmel geschrieben. (Ups…)

Du solltest dein ewiges Schicksal nicht an einem Gebet festmachen! Und du solltest andere nicht verdammen, wenn sie solch ein Gebet niemals gesprochen haben. Gott hat so viele Wege Menschen zu erreichen, wie es Menschen gibt. Und ganz sicher gibt es dazu kein Schema. Sicher kann es einigen helfen, eine Entscheidung mit einem Gebet fest zu machen. Rituale können etwas bewusst machen, was größer ist.  Aber setze deine Hoffnung auf etwas anderes. Auf jemand anderes. Denn das ändert alles.

 

Was ist nun das Entscheidende, wenn es um die christliche Hoffnung geht? Wie gelangt man in Gottes neue Welt?

 

Jesus wurde einmal dieselbe Frage gestellt. Seine Antwort in Johannes 3 war rätselhaft:

Es geht nur, wenn du neu geboren wirst.

Was soll das heißen, soll ich zurück in den Mutterleib?

Nein, es ist wie bei dem Wind. Man weiß nicht woher er kommt und wohin er geht. So ist es auch mit einem Menschen, der wiedergeboten wird. Du musst aus Wasser und Geist geboren werden.

 

Man möchte fragen, geht es nicht etwas klarer? Warum so eine Bildersprache? Weil man dieses kreative Treiben des Geistes Gottes nicht in eine Box packen kann.

 

Bei Mose war es ein brennender Busch.

Bei Naaman ein verdreckter Fluss.

Bei Paulus ein Reitunfall.

Beim Kerkermeister zu Philippi ein Erdbeben.

Bei Kleopas eine lange Wanderung.

Bei Kornelius eine Vision.

Bei Maria eine ungewollte Schwangerschaft.

Und mir wurden die Zähne ausgeschlagen.

(Ha, kannst du das toppen?)

 

Und bei einem Unbekannten, der in Lukas 18 nur „Zöllner“ genannt wird, war es ein Moment im Tempel. Er stammelte einen einfachen Satz. Gott, sei mir Sünder gnädig.

 

Kein Schema.

 

Willst du genauer wissen, wie Gottes Geist im Leben von Menschen wirkt? Dann lass dir ihre Geschichte erzählen und höre ganz genau zu.

 

Suche dabei nach Leben, nach Wahrheit und Freiheit.

Nicht nach einer Geburtsurkunde.

 

 

 

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One thought on “beten – Teil 2

  1. Ein Gebet kann ein Anfang sein. Es kann vielleicht sogar so etwas wie ein Meilenstein sein, der eine Wende in unserem Leben markiert, auf den wir uns später zurückbesinnen können. Das schicke ich voraus, um die nächsten Sätze ein wenig auszubalancieren.

    Ich war einmal in einer Gemeinde zu Gast, deren Pastor seine Predigt anscheinend fast jeden Sonntag in einen Aufruf zum Nachsprechen eines Übergabegebet münden ließ. Die Kritik, die ich hörte war sinngemäß: “Es ist ja wichtig, dass wir neue Menschen fürs Reich gewinnen. Aber was ist mit den reiferen Christen? Müssen wir wirklich jeden Sonntag wieder das Evangelium hören?”
    Das zeugt in meinen Augen von einem extrem schmalspurigen Verständnis vom Evangelium und verdeutlicht das Problem der Überbetonung eines Gebetformats, das den von dir kritisierten magischen Beschwörungscharakter hat: Die frohe Botschaft wird hierbei häufig beschränkt auf die Möglichkeit, dass individuelle Seelen nach dem Tod in den Himmel gelangen.
    Ich glaube, wir spüren intuitiv, dass das für Gott im Grunde ein viel zu bescheidenes Projekt ist. Und daraus erklärt sich vielleicht eine Tendenz zur Überkompensation: Man setzt alles auf die Karte numerisch messbarer Evangelisation. Wir müssen so viele Menschen wie nur irgend möglich dazu bringen, dieses Gebet nachzusprechen. Und so gibt es viele missionarisch gehetzte Christen, die alles versuchen, um das Raumschiff, das die dem Untergang geweihte Erde verlassen wird, voller zu bekommen, oder apathische Christen, die sich selbst nicht zutrauen, Evakuierungswillige zu rekrutieren und das lieber den dazu Berufenen überlassen.

    Zugegeben, ich habe überspitzt formuliert. Aber ich halte ein derart (westlich) individualistisches Verständnis vom Evangelium tatsächlich für potentiell schädlich sowohl für das Leben innerhalb der Gemeinde (Mission => Getriebensein, Achselzucken oder schlechtes Gewissen) als auch für das Verhältnis zwischen Kirche und Welt. Es gilt, die kosmische Dimension der christlichen Botschaft neu zu entdecken. Die lässt sich – und das mag beunruhigend sein – nicht in irgendwelche Formate pressen. Auch nicht in Gebetsformeln.

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