Von einem Mönch mit Mumm und einem Papst aus Papier

Meine Erinnerungen an den Schulunterricht im Fach Religion sind nicht sonderlich zahlreich und mehrheitlich verschwommen. Unter den wenigen im Klassenzimmer gefallenen Sätzen, die mein grobmaschiges mentales Sieb auffangen konnte, verbreitet folgendes Kleinod allerdings einen besonderen Glanz: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“ Ich weiß nicht, was es über meinen Seelenzustand aussagt, dass jener heitere Slogan einen festen Platz in meinem Gedächtnis ergattert hat, aber darum geht es hier nicht. (Wenn du das Psychoanalysieren nicht sein lassen kannst: Nur zu, tob dich aus.)

Jenen erbaulichen Spruch, den ich bis heute zu zitieren weiß, ließ der deutsche Dominikanermönch Johann Tetzel auf einen Kasten schreiben, in dem er Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eifrig Erlöse aus dem Ablasshandel sammelte. Der Ablass ist nach mittelalterlicher römisch-katholischer Lehre ein durch die Kirche ermöglichter Er- oder wenigstens Nachlass zeitlicher Sündenstrafen.  Die beziehen sich nicht auf das Foltern von Seelen in der ewigen Höllenverdammnis, sondern auf die Läuterung selbiger im Fegefeuer. Das sorgt im meist vorliegenden Fall unzureichender Heiligkeit für die Radikalreinigung, die für den Zutritt zum Himmel erforderlich ist. Solche Hitzekuren sind freilich kein Kindergeburtstag und können auch schon mal dauern…

Die hierdurch turmhoch aufgerichtete theologische Drohkulisse kam vor allem einer Reihe von Päpsten gelegen, denn der Handel mit Almosenablässen, die der gemeine Sünder durch profane Geldspenden erwerben konnte, florierte während der Renaissance, stellte einen stetigen europaweiten Münzfluss nach Rom sicher und ermöglichte u.a. den Bau des Petersdoms. Das Seelengeschacher motivierte Martin Luther wohl 1517 zu seinem berüchtigten Thesenanschlag, mit dem er kirchliche Missstände anprangerte. In der These Nr. 86 hieß es entsprechend: „Warum baut der Papst, der heute reicher ist als der reichste Crassus [= der Bill Gates der römischen Antike], nicht wenigstens die eine Kirche St. Peter lieber von seinem eigenen Geld als dem der armen Gläubigen?“ In Luthers scharfer Kritik an der konkurrenzlos mächtigsten religiösen Institution seiner Gegenwart spielte die Verurteilung päpstlichen Machtmissbrauchs also eine zentrale Rolle – dem Martin mangelte es beileibe nicht an Courage.

Zudem kannte er sich in der Bibel aus. Die Legitimität der Vatikan-Abteilung Ablass-Sales ließ sich in biblischer Hinsicht schließlich nur mit absurder Trickserei begründen. Dumm nur, dass die überwältigende Mehrzahl der Bevölkerung gar keinen direkten Zugang zur Bibel hatte und die Schrift-Vermittler in aller Regel eben zu der Institution gehörten, die keinerlei Interesse daran haben konnte, ihr Machtmonopol einzuschränken. Deutungshoheit über das heilige Buch (nur echt mit dem Elitesiegel) war schließlich eine Frage von Cashflow und ideologischer Dominanz.

Kein Wunder also, dass der aufmüpfige Mönch aus Eisleben versuchte, der willkürlichen Versfilter- und Schriftverzerrungsmaschinerie des Papst- und Priestertums seiner Tage entgegenzutreten, indem er Gottes Autorität nicht außerhalb, sondern innerhalb der biblischen Texte verortete – nicht verwunderlich und doch bewundernswert. In Luthers Perspektive lässt sich Gottes Geist nirgendwo „lebendiger finden […] als in der heiligen Schrift, die er geschrieben hat“. Die Bibelauslegung wurde in der nun einsetzenden reformatorischen Tradition zur Paradedisziplin, wodurch kirchliche Bevormundung ausgeschlossen werden sollte. Fundament für alle Reformatoren war das Schlagwort der sola scriptura (lat. allein die Schrift), welches die Bibel zum entscheidenden Maßstab für die Lebensführung aller Christen erklärte. Luther veranlasste diese Grundüberzeugung zu seiner Bibelübersetzung und darüber hinaus zu seinem Engagement für den Aufbau eines umfassenden Bildungssystems. Befähigt man den Einzelnen, die Bibel selbst zu lesen – so die Logik –, dann hat er Zugang zum klaren Sprechen Gottes in Form von Tinte und neuerdings von Druckerschwärze auf Papier.

Die schwierigen, rätselhaften Passagen in der Schrift wurden dabei nicht außer Acht gelassen. Die laut Luther unmissverständliche Kernbotschaft ist aber zusammengefasst in der Leseanweisung: „Suche, was Christum treibet“. Im Zentrum steht in diesem Denkhorizont das, was die Rechtfertigung des Menschen durch Christus predigt. So kommt es auch, dass Luther – im Unterschied übrigens zum zweiten großen Reformator Johannes Calvin – einen „Kanon im Kanon“ sieht, d.h. Texte, die deutlicher „Christum treiben“ als andere und folglich mehr Gewicht erhalten. Bei näherem Hinsehen steht die Frage, wie weit es im Einzelnen tatsächlich mit der Transparenz und Unmissverständlichkeit der Schrift her ist, also nach wie vor recht groß im Raum. Das sola scriptura musste u.a. durch ein solus Christus ergänzt werden.

Wie genau lässt sich denn nun die Idee der Hierarchisierung von Passagen aus den Texten selbst ableiten? Sind nicht zum Teil nicht einfach nur sehr individuelle Vorlieben am Werk? Luther etwa ordnete das Alte dem Neuen Testament eindeutig unter und war auf den Jakobus- und einen Großteil des Hebräerbriefs sowie die Offenbarung des Johannes nicht sonderlich gut zu sprechen.

Die neue Konzentration auf die Bibel selbst war im sechzehnten Jahrhundert sicherlich das Gebot der Stunde und brachte zweifellos Freiheiten mit sich, die zuvor undenkbar gewesen waren. Die Autoritätsfrage war/ist damit allerdings nur aufgeschoben und nicht aufgehoben. Denn die Auffassung, die Texte kommunizierten klar Gottes Willen, mag in manchen Fällen zwar wohlfundiert sein. Sie lässt ihren Status einer Ansicht jedoch nie hinter sich – diese Demut an den Tag zu legen, erscheint weise. Und die Geschichte des als Gegenbewegung zum Katholizismus und im Zuge der Reformation entstandenen Protestantismus zeigt, wie viele Deutungsmöglichkeiten es zu den unterschiedlichsten theologischen Fragen gibt. Sonst wären die mehreren tausend Denominationen mit ihren mannigfaltigen Lehrvarianten wohl kaum entstanden.

Ist es überhaupt möglich, dass die Bibel eine Autorität ausübt, wie sie der Papst zu Luthers Lebzeiten über das Leben der Gläubigen hatte? Zweifel sind angemeldet.

Und ist es überhaupt erstrebenswert, einen „papiernen Papst“ auf den Thron zu setzen? Ich gebe zu, die Frage ist suggestiv. Aber vielleicht bietet sich hier die Möglichkeit für ein ehrliches Gespräch…

-Eun-San

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3 thoughts on “Von einem Mönch mit Mumm und einem Papst aus Papier

  1. Einige Gedanken:
    Luther hat die Bibel durch eine “Christusbrille” gelesen, was aber im Grunde der Versuch war, die ganze Bibel durch den Fleischwolf “Rechtfertigung aus Glauben” zu drehen – ungeachtet dessen, ob das die Fragestellung war, die andere Bibelautoren bewegt haben. Luthers Ausgangsfrage war, wie wir einen gnädigen Gott bekommen. War das ein Problem für die Evangelisten? Für Paulus? Für Jesaja?

    Der “Papierpapst” wurde später ja zu einer Lehre über die Unfehlbarkeit und Autorität der Schrift ausgearbeitet, zur Verbalinspirationslehre. Man unterschied zwischen Menschenwort (das der katholischen Gelehrten) und Gottes Wort (der Bibel) – verrate ich schon etwas über deine nächsten Posts? – Bringt uns diese Unterscheidung weiter?

  2. Luthers Erlebnis war, soweit es nachvollziehbar ist, “echt”. Er hat am eigenen Leib erfahren, dass er aus Glauben gerechtfertigt wurde. Unabhängig davon, was die biblischen Autoren im Sinn hatten, haben die Texte eine Wirkung, die über den Horizont ihrer Absichten hinausgeht – das ist mit Blick auf die Dynamik zwischen Verfasser, Text und Leser normal. Sinn entfaltet sich beim Lesevorgang nun einmal im Zusammenspiel zwischen den Instanzen. Als Christen glauben wir darüber hinaus ja auch, dass der Heilige Geist seine Finger im Spiel hat.
    Problematisch wird es, wenn man persönliches Erleben zur Norm erhebt, und Luther scheint tatsächlich davon ausgegangen zu sein, dass seine Erfahrung universell war, dass die Schrift zu allen auf dieselbe Weise spricht, wenn man sich ernsthaft mit ihr auseinandersetzt.
    Ich denke, es ist wichtig, sich der eigenen Gebundenheit an eine bestimmte Perspektive, bedingt durch den eigenen Standort, bewusst zu werden. Das hat Luther (und mit ihm etliche andere) sicher vermissen lassen.

    Du sprichst noch ein anderes wichtiges Thema an, wie ich finde: Christusbrille ist nicht gleich Christusbrille. Die meisten christlichen Theologen würden behaupten, dass sie christozentrisch orientiert seien. Aber sie meinen bestimmt nicht alle das Gleiche damit.

    Zur Entwicklung der Inspirationslehre werde ich wahrscheinlich noch ein paar Worte verlieren.

  3. Vielleicht ist das aber auch ein bisschen dieses andere Extrem: Ich erschließe mir meinen eigenen Sinn – und nenne das “vom Geist offenbart”? Wenn ein und derselbe Text zu allen etwas anderes sagen kann (über den Horizont der Autoren hinaus), wo ist dann das Korrektiv?

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