Was wir mit der Bibel anfangen können #Teil 8

#Rache

Weiße Strände, Sonne satt, ein schmackhafter Cocktail in einer Liegematte zwischen zwei Palmen. Man lässt es sich gut gehen.

Zwanzig Kilometer weiter kämpfen hunderttausende um das blanke Überleben. Eine Naturkatastrophe hat die Lebensgrundlage für einen Großteil der Bewohner entzogen. Nun stehen kleine Kinder vor den Trümmern der Elternhäuser. Waisen. 

Um sie wird sich niemand kümmern. Sie werden kaum eine Chance haben, die nächsten Wochen zu überleben. Ein gefundenes Fressen für Menschenhändler, Organdiebe und viele andere Kriminelle. 

Das ist nicht fair. 

Es ist nicht nur, dass wir nicht wissen, wie wir mit dem „Warum“ umgehen können. Es ist diese verdammte Ungerechtigkeit, dass einige die Hölle auf Erden durchwandern, während andere ein ganz normales Leben haben können. 

(Schwein gehabt, wir sind ja auf der „normales Leben“ Seite, ist es nicht so?)

Reden wir über Theologie. 

Theologie ist zum größten Teil Biographie. Wir verstehen die Bibel auf eine bestimmte Weise, weil wir ein gewisse Prägung mitbekommen haben und unsere Erfahrungen immer mitschwingen, wenn wir uns einen Reim aus den biblischen Texten machen wollen. 

Und hierin liegt die Crux. 

Die Bibel ist der Menschheit gegeben – nicht nur einem Teil. Keine Gruppe kann die Bibel für sich vereinnahmen. Die Bibel ist nicht das Buch der gutbürgerlichen Mittelschicht westlicher Großmächte. Es ist das Buch für alle Menschen. 

Worauf ich hinaus will?

Es gibt Textstellen, die für Menschen geschrieben sind, deren Lage und Lebenserfahrung außerhalb von dem liegt, was Menschen wie du und ich überhaupt vorstellen können. Wir sehen solche Dinge manchmal im Fernsehen, lesen Artikel oder Bücher. Aber letztlich ist es eine andere Welt. 

Kostprobe? Ein Beispiel der sogenannten Rachepsalmen:

Gott, brich diesen Leuten die Zähne aus! Herr, zerschlage diesen reißenden Löwen das Gebiss! Lass sie verschwinden wie versickerndes Wasser. Und wenn sie ihre Pfeile schießen, dann brich diesen die Spitze ab! Ihr Leben soll so kurz sein wie das einer Schnecke, die sich auflöst und verendet, wie das einer Fehlgeburt, die nie das Licht der Sonne sieht. ´Ja, ihr Mächtigen werdet es noch merken:` Ehe eure Kochtöpfe vom Holzfeuer heiß werden – egal, ob das Fleisch noch roh ist oder schon gart – Gott fegt durch einen Sturm alles hinweg! Wenn Gott Vergeltung übt, wird sich jeder freuen, der nach Gottes Willen lebt. Ja, er wird seine Füße baden im Blut dieser gottlosen Verbrecher!

– Psalm 58

 

Um es einmal auf den Punkt zu bringen: Diese Textstelle ist nicht für uns geschrieben. Der Text ist nicht dazu da, damit wir ihn nehmen können und die Menschen hineinlesen, die wir irgendwie blöd, ungläubig, feindlich oder schmuddelig empfinden. 

Der Text ist für Menschen, die Unterdrückt werden. Der Text ist für die Menschen, deren Lage uns ein mulmiges Gefühl vermittelt. 

Andererseits erhärtet sich in mir ein Verdacht.

Wie geht man mit unangenehmen Dingen um, von denen man keine Ahnung hat und mit denen man auch nicht so wirklich viel zu tun haben will – etwas dagegen tun kann man ohnehin nicht? Man verdrängt diese Dinge. Schiebt sie weg. Macht Augen und Ohren zu. Tut so, als wären sie nicht da.

Wie geht man mit Bibelstellen um, die Hoffnung auf Genugtuung, Vergeltung, Wut und Rache an Stelle derer ausdrücken, deren Stimmen nicht einmal bis zu uns heranreichen?

Diese Stellen werden

ignoriert

angezweifelt

verbildlicht

vergeistlicht

verniedlicht

für ungültig erklärt

stumm geschaltet.

Diese Stellen haben keinen Platz in der Anbetungszeit am Sonntag. Man druckt sie auch nicht auf Kalender oder postet sie mit einem kitschigen Bild auf Facebook. Diese Verse finden nicht statt.

Wie die Menschen, von denen sie handeln. Wir sollten lieber den Sicherheitsabstand einhalten. Unterdrückung, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Gewalt – das hat mit uns nicht zu tun. Warum sollten wir uns damit abgeben? 

Wir sollten diese Texte besser nicht lesen. Nicht auf uns wirken lassen. Nicht versuchen zu verstehen. 

Wo könnte das sonst hinführen?

Ok, genug des Sarkasmus.

Wir brauchen diese Texte ebenfalls. Unbedingt. Und das nächste Mal, wenn ein Text mir vorkommt, als beschreibe er eine andere dunkle Welt, dann möchte ich mich fragen

Was muss ein Mensch erlebt haben, um so etwas zu schreiben? 

Und vielleicht hilft solch ein Text mir dann zu sehen, dass diese Dunkelheit nicht nur irgendwo da draußen, weit weg ist. Vielleicht fange ich an zu sehen, wer in meinem Umfeld im Dunkeln lebt.

– Jason

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One thought on “Was wir mit der Bibel anfangen können #Teil 8

  1. Walter Faerber hat auf seinem Blog eine Reihe über die Psalmen angefangen. Sehr lesenswert! In einem Post hat er auch etwas zu Psalm 58 geschrieben: http://www.walterfaerber.de/2013/12/psalm000_03im-rhythmus-der-psalmen-wenn-schon-hassen-dann-richtig/

    In Bernd Janowskis neuem Schinken “Ein Gott der straft und tötet” geht es auch um diesen Psalm. Ein Gedanke daraus: Wenn es heißt, Gott möge die Zähne der Feinde ausschlagen, so ist damit impliziert, dass Gott ihnen die Angriffs- und Zerstörungskraft nimmt. Es ist letztlich eine Bitte um Schutz.

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