Was wir mit der Bibel anfangen können #Teil 6

#Brüder

Die erste Familie war ein Desaster.

Aus einem schwer nachvollziehbaren Grund lockt der eine Bruder den anderen auf ein Feld. Was danach passiert, wird mit bildhaften Worten beschrieben: Das Blut deines Bruders schreit von der Erde des Ackers zu mir. 

Als der zum Mörder gewordene Bruder zur Rede gestellt wird, weicht er aus: Bin ich etwa meines Bruders Hüter?

Habe ich irgendeine Verantwortung meinem Bruder gegenüber? Muss mich kümmern, was mit ihm los ist? Sollte mich interessieren, wie es ihm geht?

Natürlich sollte es das!

Das nächste Brüderpaar in der Bibel hat es ebenfalls in sich. Bereits während der Geburt tritt ihre Rivalität zum Vorschein. Der eine hält die Ferse des anderen, will also der erste sein, schafft es aber nicht. Der Kampf um das Erstgeburtsrecht führt später zu einer eiskalten Verschwörung, bei der Jakob (sein Name heißt übersetzt „Betrüger“) mit Hilfe seiner Mutter den eigenen Vater täuscht und so den Segen des Erstgeborenen ergaunert. Die eigene Mutter fällt dem Erstgeborenen Esau in den Rücken und der Vater hat am Ende keinen Segen mehr für ihn übrig. Eine ganz miese Tour. Esau schwört daraufhin Rache. Jakob bleibt nur die Flucht. 

Eins kann man der Bibel nicht vorwerfen: Sie beschönigt ihre Figuren nicht. Sie stellt das Leben dar, wie es ist. Menschen mit Größe und tiefen Abgründen. Keine fromme Schauspielerei, keine unerreichbaren Superheiligen. 

Doch die Geschichte nimmt eine Wendung. Nachdem Jakob lange Jahre getrennt von seiner Familie gelebt hatte, wird es eine Begegnung mit seinem Bruder geben. Aus Angst schickt Jakob seinem Bruder allerlei Geschenke voraus. Sogar seine Angestellten, Habseligkeiten, Frauen und Kinder schickt er vor. Er scheint sich im schlimmsten Fall die Flucht offen zu halten… 

Doch sein Bruder Esau hat nicht vor, ihm Gewalt anzutun. Er vergibt ihm und es kommt zur Versöhnung.

Lange Jahre danach haben Menschen bei über die Geschichte nachgedacht und so liest man bei einem Propheten folgende Worte: 

Ist nicht Esau Jakobs Bruder?, spricht der HERR; und doch hab ich Jakob lieb und hasse Esau und habe sein Gebirge öde gemacht und sein Erbe den Schakalen zur Wüste.

Maleachi 1

Wie unfair ist das denn bitte? 

Sollte Gott nicht für alle Menschen sein? Sollte er nicht alle lieben? Wie kann er sich einen aussuchen und wie kann er den anderen aussortieren? Und dann sucht sich Gott auch noch den Falschen aus! Esau ist der Leidtragende, der von seiner Mutter hintergangen, vom Vater im Stich gelassen und vom Bruder betrogen wurde. Und zur Belohnung für seine versöhnende Haltung wird er schließlich noch von Gott abgekanzelt. 

Die Geschichte gibt – so man an der Oberfläche bleibt – zunächst wenig Sinn. Wir brauchen daher anderes Handwerkszeug, wie wir den Text verstehen können. 

Ein paar Gedanken. 

Lesen wir den Text mit der Jesus-Linse. Welche Figur in der Geschichte erinnert an den Charakter von Jesus? 

Eine Person, die von einem engen Angehörigen verraten wird, der von der Familie im Stich gelassen wird und am Ende doch zur Vergebung bereit ist? Das klingt definitiv nach Jesus!

Dann eine etwas härtere Nuss.

Manchmal nehmen die biblischen Geschichten bemerkenswerte Wendungen oder Stellen Gott in einer Weise dar, bei der wir als Leser unmittelbar denken So kann Gott nicht sein! 

Und hier ist die Nuss. 

Gott ist auch nicht so! Gott ist wie Jesus. Die biblischen Texte funktionieren manchmal wie ein Spiegel, bei dem uns in ironischer Weise ein Spiegel unserer verdrehten Gottesvorstellung vorgehalten wird. Der Text nimmt diese Vorstellung aufs Korn und bringt uns dazu, anders von Gott zu denken. 

(Man lese dahingehend 1.Mose18 – Gott muss sich Sodom etwas genauer ansehen, ob sie wirklich so schlimm sind, wie alle sagen? Schließlich verhandelt Abraham mit Gott über die Zerstörung Sodoms. Und wer von beiden hat mit der Stadt mehr Barmherzigkeit? Lies mal nach…)

Noch ein Gedanke.

Ein guter Weg, um Gottes Stimme durch den Text wahrzunehmen, ist darauf zu achten, was der Text mit mir macht. Welche Emotionen bringt er hervor? Eine gute Übung dazu ist, sich in jede Figur hineinzuversetzen und die Geschichte aus ihrer Perspektive zu erfühlen. 

Liest man die Geschichte mir Jakob und Esau, so kann der Text zum einen Mitgefühl für Esau bewirken. Und zum anderen wirft es die Frage auf wie könnte ich meinem Bruder vergeben?

Kann es sein, dass es Gott in der Geschichte genau darum geht?

Ein letzter Gedanke. 

Die Schrift zeigt uns verschiedene Geschichten über die Beziehung zwischen zwei Brüdern. Nimmt man sich diese Geschichten hintereinander vor, so kann man darin eine Entwicklung erkennen. Es geht los mit Neid und Mord in der Kain und Abel Geschichte. Ein Bruder, der nicht Hüter seines Bruders sein will. Dann folgt Betrug, Verrat, Rache und Versöhnung in der Esau Geschichte. 

Und schließlich folgt eine dritte Geschichte, in der sich ein Bruder aufmacht, um seinen geflüchteten Bruder in der Wüste zu finden. Er wird sein Leben von da an dafür einsetzen, seinem Bruder zu dienen und ihn zu unterstützen. Aaron ist dieser Bruder, der für Mose der Bruderhüter wird. 

Worauf zielt der Text nun, wenn man unter die Oberfläche guckt? 

– Jason

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