Was wir mit der Bibel anfangen können #Teil 1

#Bibelcode

Neulich im Auto fiel so ein Satz: Wir glauben nicht an das, was Pastor Chalke sagt, 

wir glauben an das, was die Bibel sagt.

Moment mal – ehrlich jetzt?

Es hört sich ja richtig an – wir halten uns an die Bibel. Wir glauben an Gottes Wort, nicht an Menschenwort. Woran sollten Christen sich halten, wenn nicht am Wort Gottes? Es steht doch alles drinnen – man muss es einfach nur nachlesen.

Und der Pastor Chalke hat trotz seines Theologiestudiums vergessen, was die Bibel sagt, oder will davon nichts mehr wissen?

Er legt die Bibel aus und fügt seine Interpretation hinzu – während mein Mitfahrer einfach nur die Bibel für sich reden lässt – Wir nehmen die Bibel wörtlich.

Moment mal – ehrlich jetzt?

Du musst dir also keine Gedanken machen, wie der Text zu verstehen ist? Und dir fällt nicht auf, dass es oft viele Möglichkeiten gibt, wie der Text gemeint sein könnte? Geschweige aus der ursprünglichen Sprache in unsere übersetzt werden kann? Und die tausenden von Christen, Gelehrten und Kirchenvätern vor dir, die mit dem Text gerungen haben und zu den unterschiedlichsten Ergebnissen gekommen sind – die haben die klare Botschaft auch nicht

begriffen?

angenommen?

wahrhaben wollen?

so genommen, wie es da steht?

Während dieser Autofahrt sind wir nicht auf einen Nenner gekommen – aber vielleicht ist diese Serie von Blogposts eine Möglichkeit, um darüber ins Gespräch zu kommen, wie wir heute mit der Bibel umgehen können.

Fangen wir vielleicht erst einmal damit an, wie die Menschen zur Zeit Jesu mit der Heiligen Schrift umgegangen sind. Die Rabbiner zur Zeit Jesu hatten sich dazu eine Geschichte erzählt:

Rabbi Eliezer streitet mit anderen Rabbinern über ein theologisches Thema. Er brachte alle erdenklichen Argumente, aber seine Gegner ließen sich nicht überzeugen. Schließlich wollte er sie durch ein Wunder überzeugen und rief aus: „Wenn denn meine Schriftauslegung der Wahrheit entspricht, so sollen es die Bäume beweisen“. Da entwurzelte sich ein uralter Baum von ganz allein. Die Rabbiner waren wenig beeindruckt: „Kein Beweis kann durch einen Baum erbracht werden“. So versuchte Eliezer es mit einem anderen Wunder: „Wenn denn meine Schriftauslegung der Wahrheit entspricht, so sollen es die Wasser beweisen“. Daraufhin änderte ein Bach seine Laufrichtung, das Wasser floss flussaufwärts. Aber auch dies lies die Rabbiner unberührt: „ Kein Beweis kann durch einen Fluss erbracht werden“. Nachdem auch ein weiteres Wunder die Rabbiner nicht umstimmen konnte, so rief Eliezer schließlich den Himmel an: „Dann soll der Himmel mir beistehen und beweisen, dass meine Auslegung richtig ist“. Da ertönte eine Stimme vom Himmel: „Was streitet ihr mit Eliezer, wo doch offensichtlich ist, dass er Recht hat?“ Daraufhin entgegnete Rabbi: „Es ist nicht im Himmel!“ – Was meinte er damit? Rabbi Jeremiah erklärt: „Seit du, der Allmächtige, uns die Thora am Berg Sinai gegeben hast, hören wir nicht mehr auf himmlische Stimmen, da du ja in der Thora gesagt hast „du sollst der Menge nachgeben“ (2.Mose 23,2 ) Was tat daraufhin der Allmächtige? Er lachte vor Freude und wiederholte immer wieder: „Meine Söhne haben mich geschlagen, meine Söhne haben mich geschlagen!“

jüdischer Talmud (Baba Mezi’a 59b). 

Was ist der Punkt der Geschichte?

Die heilige Schrift gehört nicht mehr Gott, sondern den Menschen – pfeift auf die himmlischen Stimmen und Wunder. Mensch,wenn du die 613 biblischen Gebote befolgen willst, dann mach dir eigene Gedanken dazu, wie sich das in deinem Leben zeigt.

Die Anpassung der biblischen Schriften an die Lebenswirklichkeit geschah allerdings nicht willkürlich. Sie wurde im Dialog vollzogen. Die Mehrheit der Rabbiner entschied, was verbindlich war. Sie hatten die Autorität zu sagen, was alle anderen Juden zu glauben haben.

(An einer anderen Stelle der jüdischen Überlieferung wird diese Autorität so sehr unterstrichen, dass ein Schüler seinem Rabbi auch dann nicht den Gehorsam verweigern solle, wenn dieser ihm sagen würde, dass Rechts Links sei und andersherum…)

Schließlich gab es das Prinzip der unendlichen Bedeutungen der heiligen Schrift. Die Thora sei kein Buch, wie alle anderen. Da es Gottes Worte seien, hätten sie unendlich viele tieferliegende Bedeutungen. Diese eigentlichen Bedeutungen könnten nur durch die Rabbiner verstanden werden. Das hat zur Konsequenz, dass nicht der wörtliche Sinn zählt, sondern der tiefere. Nicht der Kontext zählt, sondern die rabbinische Interpretation.

Die Bibel ist ein heiliger Code?

Das wird an oben erwähnter Anekdote deutlich. Für die Rabbiner war die wahre Bedeutung aus 2.Mose 23,2, dass Auslegungen durch das Mehrheitsprinzip Geltung erhalten – man solle der Mehrheit nachgeben. Werfen wir mal einen Blick auf die Bibelstelle:

„Du sollst der Menge nicht auf dem Weg zum Bösen folgen und nicht so antworten vor Gericht, dass du der Menge nachgibst und vom Rechten abweichst.“ 

Moment mal – jetzt ehrlich?

Erstens – In dem Text geht es um das Rechtswesen, nicht um Schriftauslegung. Und zweitens – er besagt letztlich, dass man gerade nicht der Menge nachgeben soll!

(Das erklärt zu großen Teilen, wieso in den Schriften des Neuen Testaments mehrere Zitate aus dem Alten Testament aus dem Zusammenhang gerissen oder verkürzt wurden – ja, sogar eine ganz neue Bedeutung erhalten.)

So ging man damals eben mit der Heiligen Schrift um.

Und Gott?

Der findet das witzig.

Sogar Jesus scheint Texte des Alten Testaments so zu deuten – Man vergleiche z.B. Markus 14,27 und Sacharja 13,7.

Das wirft nun Fragen für uns auf. Wie sollten wir mit der Heiligen Schrift umgehen? Zählt der Kontext für uns? Und wer ist heute die verbindliche Instanz für die Schriftauslegung? Wie gehen wir mit Widersprüchen in der Schrift um?

Dazu bald mehr…

– Jason

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